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Geschichte

Fast acht Jahrhunderte lang war das Territorium des heutigen Estlands ein Spielball im Machtkampf verschiedener Staaten.  Im 13. Jahrhundert wurden die dort lebenden finno-ugrischen Stämme teils von Dänemark und teils von den Rittern des Schwertbrüderordens unterworfen. 1346 verkaufte Dänemark seinen Teil an den Deutschen Orden, in dem zuvor schon der Schwertbrüderorden aufgegangen war. Im 16. Jahrhundert unterstellte sich Estland freiwillig Schweden; nach Schwedens Niederlage im Nordischen Krieg (1700–1721) wurde es dem Russischen Reich zuerkannt.

Seit der Unterwerfung durch die Ritterorden bildeten deutsche Ritter und ihre Nachfahren die Oberschicht in Estland. Deutsch war Amtssprache. Die estnische Sprache und Kultur blieben den Bauern vorbehalten.

Unabhängigkeit 1918 und 1991

Unabhängigkeitsstatue in Polva

Die Agrarreformen im 19. Jahrhundert förderten die nationale und geistige Emanzipation der Esten. Nach und nach bildete sich das estnische Bürgertum heraus, in dem die Idee nationalstaatlicher Unabhängigkeit an Popularität gewann. Am 24. Februar 1918 nutzten die Befürworter der Unabhängigkeit das Machtvakuum, das durch den ausgehenden Weltkrieg und die bolschewistische Oktoberrevolution entstand, und proklamierten die souveräne Republik Estland. Seine Unabhängigkeit musste Estland jedoch gegen die deutschen Truppen und die Rote Armee verteidigen. Erst im Februar 1920, als Russland offiziell auf sämtliche territoriale Ansprüche in Estland verzichtete, galt die Unabhängigkeit als durchgesetzt.

In den ersten Jahren nach dem Erlangen der Souveränität war der estnische Staat demokratisch verfasst. Bedingt durch geringe Parlamentsmehrheiten, häufige Regierungskrisen sowie wirtschaftliche und soziale Probleme, erstarkten jedoch antidemokratische Kräfte im Land. 1934 etablierte sich ein autoritäres Regime, das allerdings nicht lange währte, denn im Juni 1940 wurde Estland völkerrechtswidrig in die Sowjetunion eingegliedert. Die Zeit der Unabhängigkeit war vorerst zu Ende.

Erst in der zweiten Hälfte der 1980er Jahre, im Zuge der politischen Reformen Michail Gorbatschows, begann in der estnischen Öffentlichkeit erneut ein Diskurs über die staatliche Autonomie. Gegen den Willen der sowjetischen Führung, die an der Integrität der Sowjetunion festhielt, konnte Estland am 20. August 1991 die Unabhängigkeit wiedererlangen. Estland strebte außenpolitisch seit seiner Unabhängigkeit die Integration in die euro-atlantischen Strukturen an. Im Jahr 2004 wurde Estland Mitglied in der EU und der Nato. 2011 ratifizierte Estland einen Grenzvertrag mit Russland, der den bis dahin strittigen Grenzverlauf regelte und die Beziehungen zwischen beiden Ländern etwas entspannte. Allerdings sind im Zuge der Annexion der Halbinsel Krim durch Russland im März 2014 in Estland, ähnlich wie in Lettland und Litauen, Befürchtungen vor einem Hegemoniestreben Russlands im postsowjetischen Raum wiedererwacht.

Seit 1992 hat es in Estland durchweg Koalitionsregierungen gegeben, die sich in relativ kurzen Abständen ablösten. Doch trotz dieser wechselnden Mehrheiten ist Estland ein politisch relativ stabiles Land. Nur im Jahr 2007 kam es zu größeren Demonstrationen der russischen Minderheit in Riga (siehe Gesellschaft).


Quelle:

Garleff, Michael: Die Geschichte der baltischen Länder, in: Der Bürger im Staat 2-3/ 2004, S. 92-101.

 

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