Russlands Weg in den Kommunismus

Juli 2017

Während des Waffenstillstands an der Ostfront 1918. Deutsche und russische Soldaten feiern zwischen den Stellungen. Foto: Wikicommons, CC BY-SA 3.0

Die Spätphase des Zarenreiches, das Revolutionsjahr 1917 und der Bürgerkrieg

Die Machtergreifung der russischen Bolschewisten 1917 hat den Lauf der Weltgeschichte verändert. Dieser Text beschäftigt sich mit Ursachen, Verlauf und Ergebnissen der Oktoberrevolution. Dabei kommt auch der vorhergehenden Februarrevolution eine besondere Bedeutung zu.


Die Spätphase des Zarenreichs

Die Februarrevolution 1917 und das Scheitern der Demokraten

Die Oktoberrevolution

Bürgerkrieg und Matrosenaufstand


Die Spätphase des Zarenreiches

Die gescheiterte erste Revolution

Die Gründe für die revolutionären Ereignisse des Jahres 1917 in Russland sind nur zu verstehen, wenn man die sozialen und wirtschaftlichen Bedingungen in der Spätphase des Zarenreiches kennt. Zu Anfang des 20. Jahrhunderts war Russland noch in großen Teilen ein Agrarstaat. Die Befreiung der Bauern aus der Leibeigenschaft im Jahre 1863 hatte die sozialen Gegensätze auf dem Land nicht merklich mindern können. Viele Bauern konnten vom Ertrag der kleinen Flächen, die sie bewirtschafteten, nicht leben. Zudem war die Landwirtschaft in Zentralrussland meist weniger intensiv als in Westeuropa. Wohnverhältnisse und Ernährung der Bauern waren überwiegend schlecht und die durchschnittliche Lebenserwartung lag bei 40 Jahren. Demgegenüber war der Lebensstandard der Großgrundbesitzer sehr hoch. Sie verpachteten oft ihr Land an die Bauern, allerdings zu einem hohen Pachtzins. Zwischen 1900 und 1914 vergrößerte sich sogar die Fläche des durch Gutsbesitzer bewirtschafteten Ackerlandes in Russland um fast ein Drittel. Gestiegene Getreidepreise machten es für die Großgrundbesitzer wieder attraktiv ihr Land selbst zu bewirtschaften. Dadurch verloren viele Bauern die von ihnen gepachteten Flächen. Verschärft wurde diese Situation durch ein hohes Bevölkerungswachstum in Russland, das fast so doppelt so hoch wie im europäischen Durchschnitt war. So war um 1914 die materielle Lage zahlreicher russischer Bauern schlechter als in den letzten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts.

Durch die beginnende Industrialisierung wanderten viele Bauern in die Städte ab. Innerhalb eines halben Jahrhunderts wuchs die Bevölkerung in den Städten von 7 auf 28 Millionen. Dort erhöhten sich um 1900 die sozialen Spannungen. Die Lebensverhältnisse vieler Arbeiter waren katastrophal. Die meisten lebten in Elendsvierteln. Die Wohnverhältnisse waren sehr beengt und oft mussten sich mehrere Personen ein Zimmer teilen. Die Arbeitszeiten waren nicht geregelt und Arbeitswochen mit 50 oder mehr Stunden waren normal.

1904 kam es aus Protest gegen die soziale Lage der Arbeiter zu Massenstreiks in Petersburg, das damals Hauptstadt Russlands war. Daraus wurde schnell ein politischer Protest, der sich nicht nur gegen die Ausbeutung der Arbeiter richtete, sondern auch Meinungs-, Presse- und Versammlungsfreiheit einforderte. Am 9. Januar 1905 zog eine riesige Menschenmenge in Petersburg friedlich zum Winterpalais, dem Sitz des Zaren, wo sie diesem ihre Bittschrift übergeben wollten. Darin schrieben sie: “ Wir sind verelendet, wir sind unterdrückt, über unsere Kraft mit Arbeit überlastet……Wir ersticken unter der Despotie und Rechtlosigkeit“.  Doch vor dem Palast schossen die Wachmannschaften auf die Demonstranten und es kamen über 100 Menschen um Leben. Dieser „Blutsonntag“ radikalisierte die Protestbewegung und die Revolution breitete sich über ganz Russland aus. Die Proteste wurden auch von der politischen Opposition, sowohl von Liberalen wie auch Sozialdemokraten und Sozialrevolutionären unterstützt. Während aber liberale Parteien nur eine Begrenzung der Macht des Zaren durch politische Reformen forderten, waren die Ziele der linken Parteien der Sturz der Zarenherrschaft und eine soziale Revolution.

Die Proteste breiteten sich über das ganze Land aus und erfassten auch einen Teil der russischen Bauern. Vor allem in Zentralrussland kam es zu zahlreichen Übergriffen gegen Großgrundbesitzer und Landbesetzungen. Der amerikanische Konsul in Batumi berichtete: „Russland ist durchtränkt von Aufruhr und riecht nach Revolution…. Soweit zu sehen ist, sind wir schon weit auf dem Weg in totale Anarchie und soziales Chaos.“

 Im Oktober 1905 erfüllte der Zar eine Forderung der Demonstranten durch die Einberufung eines Parlamentes, der Duma. Damit kam er den liberalen und bürgerlichen Kräften entgegen und reagierte zugleich auf die Niederlage Russlands im Krieg gegen Japan im selben Jahr, die die Kritik an der Regierung noch verstärkt hatte. Die sozialen Forderungen der Arbeiter wurden dagegen nicht erfüllt. Diese organisierten im Dezember 1905 einen Aufstand in Moskau, der mit Waffengewalt niedergeschlagen wurde. Die Erhebung der Arbeiter nutzte der Zar als Begründung für die Einschränkung der Rechte der erst neu gegründeten Duma. Im Jahr 1906 kam es bei den ersten Duma Wahlen zu einem deutlichen Sieg der Reformkräfte über die konservativen, zarentreuen Parteien. Daraufhin löste der Zar die Duma auf und begünstigte durch eine Änderung des Wahlrechtes die Konservativen, die bei erneuten Wahlen dadurch die Mehrheit erhielten. So wurde die Duma bis 1916 weitgehend von zarentreuen Kräften beherrscht. 

Nach 1906 versuchte der Zar seine autokratische Politik wie vor der gescheiterten Revolution von 1905 fortzusetzen. Nikolaus der Zweite sah seine Herrschaft als „gottgegeben“ an und war der Auffassung, dass nur eine autokratische, unumschränkte Herrschaft passend für Russland sei. Persönlich war sein Interesse und Verständnis für Politik eher gering und er hielt sich meist in seiner Familie und einem ihm ergebenen Kreis von Hofbeamten und Günstlingen auf. Diese bestärkten ihn in seiner autoritären Herrschaftsauffassung, ebenso wie die Zarin. Die Zarin geriet immer stärker unter den Einfluss des sibirischen Mönchs und Wunderheilers Rasputin. Der entscheidungsschwache Nikolaus war so dem Einfluss verschiedener Kräfte in seiner Umgebung ausgesetzt. Gleichzeitig blieb jedoch seine Kenntnis der Lage im Land gering. Nur für das Militär zeigte er ein gewisses Interesse, während er den­ wirtschaftlichen und sozialen Problemen im Land kaum Aufmerksamkeit widmete.

Nach 1905 gelang es dem russischen Staat seine Macht wieder zu stabilisieren, allerdings verstärkte sich die Unzufriedenheit in Teilen der Gesellschaft. Dies galt vor allem für die Arbeiter, die Intellektuellen und Teile des liberalen Bürgertums. Aber auch viele Bauern waren unzufrieden, dass ihre Forderung nach einer umfassenden Neuverteilung des Landes nicht erfüllt wurde.     

Unter dem Premierminister Stolypin versuchte die russische Regierung ab 1906 durch verschiedene Reformen einen bäuerlichen Mittelstand zu schaffen, Bauern aus dem dicht besiedelten Zentralrussland als Kolonisten in die Weiten Sibiriens und Zentralasiens zu locken und den Einfluss der Großgrundbesitzer zu beschränken. Stolypin war kein Liberaler, sondern dem Zar treu ergeben. Allerdings erkannte er die wachsende Unzufriedenheit der Bauern.  Stolypin wollte eine erneute Revolution verhindern, aber er stieß auf massiven Widerstand bei den Großgrundbesitzern, Teilen der Administration und der Kreise um Zar Nikolai. „Ich kämpfe an zwei Fronten“ sagte Stolypin 1906 „Ich kämpfe gegen die Revolution, aber für die Reform“. Seine Reformen zeigten erste Erfolge als er im September 1911 durch einen Sozialrevolutionär, der auch Verbindungen zum russischen Geheimdienst hatte, ermordet wurde. Mit dem Tod Stolypins kamen die Reformbemühungen in Russland zum Stillstand.

Die Jahre vor dem Ersten Weltkrieg waren im Zarenreich durch eine weiter stark voranschreitende Industrialisierung gekennzeichnet. Es gelang Russland einen Teil des wirtschaftlichen Rückstandes gegenüber den anderen europäischen Staaten einzuholen. Da jedoch soziale Reformen nach der Revolution  weitgehend ausgeblieben waren, verschlechterte sich die schwierige Lage der russischen Arbeiter weiter.

Innerhalb dieses neuen Proletariats wuchs die Anhängerschaft der progressiven Parteien, die sich zu diesem Zeitpunkt schon in die sozialdemokratischen Menschewisten und die radikal-sozialistischen Bolschewisten geteilt hatten. Menschewisten bedeutet auf russisch „Minderheitler“ (Menschewiki) und Bolschewisten „Mehrheitler“ (Bolschewiki) und geht auf eine Abstimmung über die Zukunft der Parteiorganisation zurück, bei der die Bolschewisten die Mehrheit erhielten. Die Menschewisten lehnten die Herrschaft des Zaren ebenso klar ab wie die Bolschewisten, doch im Gegensatz zu diesen waren sie bereit mit liberalen und bürgerlichen Kräften zusammenzuarbeiten. Außerdem hielten die Menschewisten den Zeitpunkt für eine sozialistische Revolution noch nicht für gekommen und organisierten ihre Parteistruktur demokratisch und nicht zentralistisch wie die Bolschewiken. Im Gegensatz zu den Bolschewiki lehnten sie auch eine führende Rolle der Partei in einer Revolution ab. Die Bolschewiki organisierten sich dagegen zunehmend als straff geführte Funktionärspartei.

Unter den Bauern besaß die Partei der Sozialrevolutionäre eine breite Anhängerschaft. Die Sozialrevolutionäre setzten sich für die weitgehende Enteignung der Großgrundbesitzer und die Verteilung des Landes an die Kleinbauern ein. Anders als Menschewisten und Bolschewisten lehnten sie aber eine führende Rolle der Arbeiter in einer zukünftigen Revolution ab, sondern sahen in den Bauern das Hauptpotenzial für einen Umsturz in Russland. Demgegenüber betrachteten Teile der Bolschewiki die Bauern als einen rückständigen Bevölkerungsteil, der in der Zukunft stark an Zahl und Bedeutung abnehmen würde.

Der Erste Weltkrieg

Die Jahre vor Ausbruch des Ersten Weltkrieges waren durch zunehmende Konflikte zwischen den europäischen Großmächten gekennzeichnet. Der Kriegsbeginn im Sommer 1914 wurde im Zarenreich, ebenso wie in anderen europäischen Ländern, von Teilen der Mittelschichten begeistert begrüßt. Bei den russischen Bauern gab es dagegen, nach Augenzeugenberichten, kaum Begeisterung. Russland trat auf der Seite Frankreichs und Englands in den Krieg ein. Die Parteien, einschließlich der Mehrheit der Linken, unterstützen den Krieg des Zarenreiches gegen die Mittelmächte (Deutschland, Österreich-Ungarn und die Türkei). Nur die Bolschewiki stellten sich von Anfang an entschieden gegen den Krieg.

Die Unterstützung für den Krieg wurde in der Bevölkerung schwächer als die russische Armee schwere Niederlagen gegen die Deutschen erlitt. Daran konnte auch der große militärische Erfolg der Offensive des Generals Brussilow gegen die Österreicher im Sommer 1916 nichts mehr ändern. Auch militärische Erfolge waren oft mit großen Verlusten verbunden, da die Strategie der zaristischen Generäle besonders wenig Rücksicht auf die eigenen Soldaten nahm. Ab Herbst 1916 verschlechterte sich die Versorgung der Bevölkerung immer mehr. Der russische Landwirtschaftsminister Kriwoschein warnte: „Krankheit, Elend und Armut breiten sich über ganz Russland aus. Die hungernden Massen säen überall Panik.“ Dagegen war der Zar für die Lage im Land blind. Er verkannte die Stimmung in der Bevölkerung und erinnerte an den russischen Sieg gegen Napoleon: „Das russische Volk ist in seinem Siegeswillen ebenso einmütig wie 1812.“

Es kam zu ersten Demonstrationen und Streiks der Arbeiter in den Städten. In der Duma, die lange von zarentreuen Parteien beherrscht wurde, wurde nun die Kritik an der autokratischen Zarenherrschaft immer deutlicher ausgesprochen. Der Vorsitzende der liberalen Partei der „Kadetten“ thematisierte in einer viel beachteten Rede die offensichtliche Unfähigkeit des Regimes die Versorgung der Bevölkerung und die Unterstützung für die russische Armee effektiv zu organisieren. Er zählte die Fehler des Zaren und seiner Regierung einzeln auf und fragte nach jedem Punkt: „Ist es Dummheit oder Verrat? “  Besonders die Verbindung der Zarin zum sibirischen Mönch und Wunderheiler Rasputin erregte in nationalistischen Kreisen viel Unmut. Die Herkunft der Zarin gab Anlass zu Spekulationen, dass sie enge Verbindungen zu den Deutschen hätte. Rasputin wurde von Nationalisten Ende Dezember 1916 ermordet.

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Die Februarrevolution 1917 und das Scheitern der Demokraten

Im besonders harten Winter 1916/17 eskalierte die Lage in Russland. Ausgangspunkt der Unruhen waren Demonstrationen von Fabrikarbeiterinnen in Petrograd (die russische Hauptstadt Petersburg wurde zu Beginn des Krieges in Petrograd umbenannt), die nicht mehr wussten, wie sie ihre Familien ernähren sollten. Ihnen schlossen sich in den letzten Februartagen 1917 Tausende Arbeiter an.

Am 25. Februar 1917 wälzte sich ein Demonstrationszug von über hunderttausend Arbeitern aus den Vorstädten in die Petrograder Innenstadt. Auf Plakaten und in Sprechchören wurden Demokratie und der Rücktritt des Zaren gefordert. Als die Demonstranten in das Zentrum strömten, versuchte die Polizei sie mit Waffengewalt aufzuhalten. Es gab Dutzende von Toten, doch schon in den folgenden Tagen schwollen die Massendemonstrationen weiter an. Das Militär schloss sich den Aufständischen an und lieferte sich Gefechte mit der Polizei. Viele der Soldaten waren Bauern und Arbeiter und hatten Verständnis für die Forderungen der Demonstranten.

Der Zar hatte lange das revolutionäre Potenzial der Proteste in Petrograd unterschätzt. Als er Ende Februar erkannte, wie gefährlich der Aufstand in für sein Regime wurde, gab er den Befehl Truppen in die Hauptstadt zu senden, um die Demonstrationen niederzuschlagen. Doch die Waggons mit den zarentreuen Regimentern wurden von aufständischen Eisenbahnarbeitern an der Fahrt nach Petrograd gehindert. Dort hatten die Revolutionäre die Kontrolle über die Stadt gewonnen. Auch in vielen anderen Städten, insbesondere in Moskau, kam es zu Streiks und Demonstrationen gegen die Herrschaft Nikolais. Am 2. März 1917 musste der Zar auf Druck der Armeeführung abdanken. Den Generälen war bewusst geworden, dass Nikolai nicht mehr an der Macht zu halten war. Zwar hatten sie meist wenig Sympathie für die Demokratie, aber sie sorgten sich um die Verteidigungsfähigkeit Russlands, falls Nikolai mit Waffengewalt gegen die aufständischen Soldaten in Petersburg vorgehen sollte.

Es ist bezeichnend für Nikolais enge Beziehung zum Militär, dass er dem Druck des Oberbefehlshabers widerstandslos nachkam. Auch Nikolais Bruder verzichtete auf die Krone. Das Ende der Romanow Dynastie war, nach 300 Jahren Herrschaft über Russland, besiegelt.

Anstelle der Herrschaft des Zaren trat ein neues politisches System. Grundsätzlich lag die Macht beim Petrograder Sowjet (russ.: Rat), dem Rat der Arbeiter- und Soldatendeputierten der Hauptstadt. Die Deputierten des Sowjets wurden direkt gewählt. Der Sowjet übernahm nicht selbst die Regierung, sondern duldete eine bürgerlich liberal-konservative Regierung. Ministerpräsident würde Fürst Lwow, ein liberaler Gutsbesitzer und angesehener Politiker. Der Sowjet legte die Grundlinien der Politik fest, überließ jedoch die praktische politische Ausgestaltung der Regierung. Allerdings überprüfte der Sowjet die Beschlüsse der Regierung. Der russische Politiker Gutschow schrieb 1917: “Die Provisorische Regierung hat keine wirkliche Macht irgendwelcher Art und ihre Befehle werden nur so weit ausgeführt, wie es vom Rat der Arbeiter- und Soldatendeputierten gestattet wird.“

Die Arbeiter- und Soldatenräte im Petrograder Sowjet vertraten anfangs überwiegend sozialdemokratische und gemäßigt linke Positionen. Die Bolschewisten befanden sich eindeutig in der Minderheit. Da es mit dem Petrograder Sowjet und der Regierung zwei Machtpole nach der Februarrevolution in Russland gab, spricht man in diesem Zusammenhang auch von der „Doppelherrschaft“. Nach der Gründung des Petrograder Sowjets bildeten sich in ganz Russland lokale Sowjets. Dabei war der Petrograder Sowjet aber weiterhin die oberste Autorität im Rätesystem. Er genoss die Unterstützung der großen Masse der Arbeiter und Soldaten. Doch die Weigerung der Petrograder Räte selbst die Kontrolle über Russland zu übernehmen, begünstigte die Entstehung einer Vielzahl regionaler Machtzentren in Russland. Grenzregionen wie Finnland und die Ukraine strebten nach Unabhängigkeit. Und viele der überwiegend von Russen besiedelten Provinzen und Regionen, vor allem in Südrussland und Sibirien, strebten nach Autonomie. Die Auflösungserscheinungen wurden im Laufe des Jahres 1917 immer stärker. Es zeigte sich, dass mit dem Zusammenbruch des zaristischen Staates die Klammer fehlte, die die russische Gesellschaft zusammengehalten hatte.

Die liberale Regierung war eigentlich nur eine provisorische Regierung, da sie bis zu ihrem Ende nie von einem Parlament bestätigt wurde. Die Duma war aufgelöst und die geplante Konstituierende Versammlung wurde niemals einberufen. Doch trotz ihres provisorischen Charakters und ihrer Abhängigkeit von den Petrograder Räten war die Regierung Lwow in den Wochen nach der Februarrevolution sehr aktiv. Versammlungs-, Rede- und Pressefreiheit wurden garantiert. Das allgemeine Wahlrecht wurde eingeführt, die Todesstrafe abgeschafft, die Diskriminierung von Religionen und Nationalitäten beseitigt und eine demokratische lokale Selbstverwaltung eingeführt.

Doch die provisorische Regierung unter Lwow konnte nicht die Versorgungslage in Russland bessern und schob die von den Bauern geforderte Neuverteilung des Landes hinaus. Die Unzufriedenheit in der Bevölkerung wurde stärker. Für besonderen Unmut sorgte, dass Außenminister Miljukow, der Führer der liberalen „Kadetten“, einen Verständigungsfrieden mit Deutschland ausschloss und den westlichen Verbündeten die uneingeschränkte Fortsetzung des Krieges gegen Deutschland zusagte. Damit hatte sich Miljukow gegen die Position des Petrograder Sowjet gewandt, der einen Frieden ohne Annexionen und Kontributionen befürwortete. Der Außenminister und der Kriegsminister mussten nach Protesten des Petrograder Sowjet und der Bevölkerung zurücktreten. Im Mai 1917 wurden nun auch Politiker linker Parteien, wie der Menschewiki und der Sozialrevolutionäre, in das Kabinett aufgenommen.

Da auch nach der Regierungsumbildung der Krieg gegen die Mittelmächte fortgesetzt wurde, entfalteten die Bolschewisten nun eine rege Propaganda gegen die Regierung und ihre Kriegspolitik. Führer der Bolschewisten war Wladimir Iljitsch Lenin, der im April 1917 aus seinem Exil in der Schweiz nach Russland zurückgekehrt war. Er schwor seine Partei auf eine kompromisslose Linie gegenüber der Regierung ein. In seinen sogenannten „Aprilthesen“ gab Lenin die ideologische Marschrichtung der Partei vor. In den „Aprilthesen“ lehnte Lenin eine Unterstützung der provisorischen Regierung ab, forderte einen klaren Bruch mit den Menschewisten und ein sofortiges Kriegsende, verlangte die Bewaffnung der Arbeiter und die Umverteilung des Landes.

Der Juli Aufstand in Petrograd

Im Juni 1917 ordnete der neue Kriegsminister Alexander Kerenski eine Offensive gegen die Mittelmächte an. Kerenski war Mitglied der Partei der Sozialrevolutionäre und plädierte für eine Fortführung des Krieges. Als die Offensive gegen die Österreicher und Deutschen ins Stocken kam, wollte Kerenski auch die Soldaten der Petrograder Garnison an die Front einberufen. Daraufhin kam es im Juli 1917 zu einem Aufstand von Soldaten, Matrosen und Arbeitern in Petrograd. Die Erhebung wurde allerdings durch regierungstreue Regimenter niedergeschlagen. Unter den Historikern ist bis heute umstritten, ob die Bolschewiki den Aufstand aktiv unterstützt haben oder sogar den Sturz der Regierung und die eigene Machtübernahme planten. Lenin befand sich im Juli 1917 in Finnland und kehrte eilig nach Petrograd zurück, als der Aufstand bereits in vollem Gang war. Die in Petrograd befindlichen Führer der Bolschewiki zeigten sich uneinig. Während einzelne Bolschewiki für die Beteiligung am Aufstand argumentierten, waren wichtige Parteiführer wie Lew Kamenew und Grigori Sinowjew dagegen. Lenin enthielt sich einer klaren Aussage, auch nachdem er nach Petrograd zurückgekehrt war. Der Aufstand fiel in sich zusammen.  Der Schriftsteller Maxim Gorki, der im Februar noch die Revolution unterstützt hatte und die Ereignisse im Juli beobachtete, schrieb: „ Es war offensichtlich, dass die Masse überhaupt keine Vorstellung davon hatte, weshalb sie auf die Straße gegangen war. Die Motive des Aufstands verstand niemand, nicht einmal ihre Führer“.  Insgesamt gibt es wenig Anhaltspunkte, dass der Führungszirkel der Bolschewiki um Lenin schon im Juli 1917 eine Machtübernahme plante. Für Lenin kam der Juli Aufstand ungeplant und zu früh. Auch sein Aufenthalt in Finnland, fernab Petrograds, spricht für diese These.

Lenin und andere führende Bolschewisten wurden aber von der Regierung als Verantwortliche für die Erhebung  gesehen und mussten erneut in die Illegalität abtauchen oder ins Exil fliehen. In der bürgerlichen Presse Russlands wurden die Bolschewisten als Verräter bezeichnet, die mit der deutschen Regierung zusammenarbeiten würden. Als Beweis dafür wurde u. a. angeführt, dass Lenin mit deutscher Hilfe aus seinem Schweizer Exil bis nach Russland reisen konnte.

Mehrere führende Politiker der Bolschewisten, darunter Kamenew und Trotzki, wurden verhaftet. Die bolschewistische Partei wurde verboten. Als Reaktion auf die Ereignisse reichte Ministerpräsident Fürst Lwow seinen Rücktritt ein. Sein Nachfolger wurde der bisherige Kriegsminister Alexander Kerenski.  Kerenski beschloss die Fortführung des Krieges gegen Deutschland und die anderen Mittelmächte, wobei er vollkommen unterschätzte, wie unpopulär die Weiterführung des Krieges in der Masse des Volkes war. Kerenski fühlte sich jedoch an die Zusagen gegenüber den Verbündeten England und Frankreich zur Fortsetzung des Krieges gebunden. Zudem hing Kerenski der Illusion an, dass eine Offensive gegen Deutschland die Bevölkerung einen und zur Solidarität mit der Regierung bewegen könne.

Die Kriegspolitik Kerenskis wurde vor allem von konservativen und nationalistischen Kreisen sowie Teilen des Bürgertums unterstützt.  In diesen Bevölkerungsschichten genoss Kerenski  bis zum August 1917 große Unterstützung. Viele seiner Anhänger sahen in Kerenski einen nationalen Führer. Auch liberale Kräfte wie die Partei der „Kadetten“ und Teile der Intelligenzija, wie die Schriftsteller Gorki und Blok, unterstützen Kerenski. Bei den Bauern und Arbeitern sowie einem großen Teil der Soldaten stieß die neue Offensive dagegen auf Ablehnung. Auch die Argumentation Kerenskis, dass durch die Offensive Deutschland zu Friedensverhandlungen und einem allgemeinen Frieden ohne Annexionen gezwungen werden sollte, konnte die mehrheitlich kriegsmüde russische Bevölkerung nicht überzeugen. Es konnte nicht überraschen, dass die „Kerenski Offensive“ gegen die deutschen Truppen scheiterte. Es kam es zur offenen Auflehnung einiger russischer Kompanien gegen ihre Befehlshaber. Nicht selten wurden Offiziere von ihren eigenen Soldaten verhaftet oder sogar getötet. Gegen Ende der Offensive kam es häufiger zu Verbrüderungsszenen zwischen russischen und deutschen Soldaten. Der deutschen Militärführung war die Kampfunwilligkeit der russischen Soldaten bekannt und ihre Propaganda zielte darauf, die Unruhe in der russischen Armee weiter zu fördern.

Die Parolen der bolschewistischen Partei wurden unter den Soldaten immer populärer, vor allem die Forderung nach einem sofortigen Frieden. Dass die zu Beginn der Revolution versprochene Landreform ausgeblieben war, verstärkte die Unzufriedenheit unter den Bauern, deren Lage sich im Krieg meist weiter verschlechtert hatte. Es kam ab dem Sommer 1917 vermehrt zu gewaltsamen Enteignungen der Großgrundbesitzer.  Zwar beschwerten sich zahlreiche Landeigner über die nichtlegalen Enteignungen bei der Regierung, doch diese war machtlos. Da die alte, zaristische Polizei aufgelöst worden war und es kaum noch Armee Einheiten in den ländlichen Provinzen gab, konnte der Staat die Gutsbesitzer nicht mehr schützen.

Der „Kornilow Putsch“

Da die Mehrheit der russischen Soldaten einfache Bauern waren, desertierten viele von ihnen, um bei der Neuverteilung des Landes durch Enteignungen vor Ort zu sein. Die russische Armeeführung sprach von 170.000 Deserteuren allein während der Kerenski Offensive, doch die wirkliche Zahl dürfte noch höher gelegen haben. Ganze Regimenter setzten sich von der Front ab. Der Oberbefehlshaber der russischen Armee, General Kornilow, forderte im August 1917 eine Militärdiktatur, um die Ordnung in der Armee wiederherzustellen. Kornilow setzte der Regierung ein Ultimatum. Bis heute ist nicht klar, ob Kornilow damit eine Diktatur Kerenskis forderte oder selbst die Macht ergreifen wollte. Kerenski interpretierte das Ultimatum Kornilows als den Versuch sich selbst an die Macht zu bringen und setzte Kornilow als Oberbefehlshaber ab. Daraufhin setzte Kornilow Truppen nach Petrograd in Marsch. Aber dort leisteten Arbeiter und Soldaten, die sich auf die Seite des Sowjets gestellt hatten, erfolgreich Widerstand.                           

Eine besonders wichtige Rolle spielten dabei die „Roten Garden“. Die Roten Garden waren Kampfverbände der bolschewistischen Partei, die im Frühjahr 1917 gegründet wurden und sich aus Freiwilligen, vor allem bewaffneten Arbeitern, zusammensetzten. Durch das Scheitern der Pläne Kornilows konnte Kerenski im Amt bleiben, doch vor allem die Bolschewisten hatten ihre Position gestärkt. Das Verbot der bolschewistischen Partei wurde aufgehoben und Lenin kehrte zurück nach Petrograd. Im Petrograder Sowjet, der bis dahin noch die Regierung Kerenski gestützt hatte, gewannen nun die Bolschewisten die Oberhand und wählten Leo Trotzki, einen der führenden Köpfe der Bolschewisten, zum Vorsitzenden.

Die Nationalitätenfrage

Auch in den Provinzen verlor die Regierung Kerenski zunehmend an Unterstützung. Besonders deutlich wurde dies in den Randprovinzen des Reiches, in denen nichtrussische Nationalitäten die Mehrheit bildeten. Polen und Teile des Baltikums waren von deutschen Truppen besetzt. In der Ukraine hatte sich schon bald nach der Februarrevolution ein ukrainischer Nationalrat, die Rada, gegründet. Im Juni 1917 erklärte die Rada die Ukraine für autonom. Zwar protestierte die russische Regierung, doch sie hatte nicht genügend Truppen, um gegen die Rada vorzugehen. Allerdings verlor in den kommenden Monaten auch die Rada die Kontrolle über die Ukraine, vor allem über die ländlichen Gebiete. Es kam zu gewaltsamen Enteignungen von Grundbesitzern, von denen viele polnischer und russischer Herkunft waren. So vermengte sich in der Ukraine die Forderung nach nationaler Selbstbestimmung mit sozialem Protest. Auch in Finnland, das seit dem Wiener Kongress 1815 zum russischen Reich gehörte, wurden die Forderungen nach Selbstbestimmung immer lauter. Und in den unterentwickelten zentralasiatischen Gebieten des russischen Reiches regte sich gewaltsamer Widerstand.

Die bolschewistische Partei stellte den nichtrussischen Nationalitäten das Recht auf Selbstbestimmung in Aussicht. Die Bolschewisten wandten sich damit gegen die provisorische Regierung, die versuchte das Reich vor dem Auseinanderbrechen zu bewahren. Zwar hatten auch Vertreter der Regierung nach der Februarrevolution den Minderheiten Selbstbestimmung versprochen, doch später verwiesen sie immer wieder darauf, dass darüber die geplante Konstituierende Versammlung entscheiden sollte (die nicht zustande kam). Insbesondere die liberale Partei der Kadetten vertrat zunehmend großrussisches Gedankengut und wollte den Minderheiten allenfalls eine rein kulturelle Autonomie zugestehen. Dagegen gelang es den Bolschewisten mit ihrem Versprechen der Selbstbestimmung unter den nationalen Minderheiten viele Anhänger zu gewinnen. In der bolschewistischen Partei waren Minderheiten wie die Juden und Armenier stark überrepräsentiert. Vor allem die jüdische Minderheit war in der Zarenzeit wiederholt Pogromen ausgesetzt gewesen. Daher war bei ihr die Bereitschaft besonders groß, die radikal antimonarchistischen Bolschewiki zu unterstützen.

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Die Oktoberrevolution

Der Weg zur Oktoberrevolution

Mit der Stärkung der bolschewistischen Partei nach dem Kornilow Putsch gab sich Lenin nicht zufrieden. Sein Ziel blieb die Machtergreifung der Bolschewiki. Anfangs versucht er die Menschewiki und die Sozialrevolutionäre, für ein Bündnis der linken Kräfte zu gewinnen. Doch als diese ihm ihre Unterstützung verweigerten, war Lenin entschlossen, alleine die Macht zu ergreifen. Schon seit den Unruhen im Juli und seiner folgenden Flucht nach Finnland war Lenin immer stärker zur Auffassung gelangt, dass ein bewaffneter Aufstand gegen die Regierung notwendig sei. Lenin war in dieser Frage nun weit entschiedener als noch im Juli. Es gab zwar in der bolschewistischen Partei Befürchtungen, dass der Versuch des Umsturzes zu einer vernichtenden Niederlage führen könnte. Doch es gelang Lenin, seine Kritiker zu isolieren und die Mehrheit der Partei hinter sich zu bringen. Lenins Planungen wurden dadurch begünstigt, dass die Provisorische Regierung erneut plante, Truppen von Petrograd an die Front zu verlegen, um die vordringende deutsche Armee zu stoppen. Dem widersetzen sich die betroffenen Regimenter. Der Petrograder Sowjet bildete ein „Militärisches Revolutionskomitee“, das von den Bolschewisten dominiert wurde. Unterstützung erhielten sie von den „linken Sozialrevolutionären“. Diese hatten sich von der Mehrheit ihrer Partei, die weiter die Regierung Kerenski unter­stützte, abgespalten.

Kerenski, der bis zum Sommer 1917 noch große Popularität genoss, war im Oktober weitgehend isoliert und besaß kaum noch Unterstützer. Große Teile des Bürgertums fürchteten zwar die Bolschewiki, doch sie hatten sich zugleich enttäuscht von Kerenski abgewandt, da es diesem nicht gelungen war, das Land zu stabilisieren. Auch eine von Kerenski im September 1917 einberufene „Demokratische Konferenz“, die die Konstituierende Versammlung vorbereiten sollte, konnte sein Ansehen in der Bevölkerung nicht verbessern. Sinaida Gippius, eine bürgerliche Unterstützerin Kerenskis schrieb Ende Oktober 1917:“ Niemand will die Bolschewiki, aber es gibt auch niemanden, der bereit wäre, für Kerenski zu kämpfen (Figes, S. 507)

Kerenski hatte seine eigene Macht fatal überschätzt. Zugleich unterschätzte er die wachsende Stärke der Bolschewisten. Am 18. Oktober 1917 war ein Zeitungsartikel des Bolschewisten Kamenew erschienen, in dem dieser kritisierte, dass Lenin einen Aufstand gegen die Regierung plane. Damit waren die Pläne Lenins in der Öffentlichkeit bekannt geworden. Doch anstatt Gegenmaßnahmen zu treffen, wartete Kerenski ab. So sagte er einem Berater am 20. Oktober, dass er auf einen bolschewistischen Aufstand hoffe, um die Bolschewiki zu zerschlagen:„Ich verfüge über mehr Kräfte, als dafür nötig sind. Sie werden endgültig zermalmt werden“.

Unterdessen nahm das Revolutionskomitee Kontakt zu den wichtigsten Garnisonen Petrograds auf. In den einzelnen Regimentern wurden bolschewistische Kommandeure eingesetzt. Am 25. Oktober 1917 gab das Revolutionskomitee den Befehl sämtliche Bahnhöfe, Telegrafenämter und strategisch wichtige Punkte der Stadt zu besetzen. Einen Tag später stürmten bolschewistische Truppen den Winterpalast, in dem die Provisorische Regierung ihren Sitz hatte. Die Mitglieder der Regierung wurden verhaftet, bis auf Kerenski, der fliehen konnte.

Insgesamt kamen bei der Machtergreifung der Bolschewiki im Oktober 1917 weit weniger Menschen ums Leben als in den Tagen der Februarrevolution. Es gibt verschiedene Berichte von Augenzeugen, dass während der Machtübernahme der Bolschewiki das Leben in der Stadt, nicht nur in den Stadtteilen, sondern sogar im Zentrum, normal weiterging. Kämpfe gab es nur um den Winterpalast, doch auch dessen Erstürmung forderte kaum Opfer, da die wenigen im Palast verbliebenen Soldaten den bolschewistischen Truppen kaum Widerstand leisteten. In großen Teilen der Stadt blieb der Umsturz unbemerkt. Trotzki räumte später ein, dass nur etwa 25.000-30.000 Menschen aktiv am Aufstand beteiligt waren. Das waren kaum 5 Prozent der Arbeiter und Soldaten Petrograds.

Erst später gelang es der kommunistischen Propaganda, den Sturm auf das Winterpalais als den dramatischen Höhepunkt der Revolution darzustellen. Die historische Wahrheit wurde verfälscht, um die Opferbereitschaft und den Mut der Bolschewiki heroisieren zu können. Man könnte angesichts der damaligen Lage in Petrograd sogar eher vom „Oktoberumsturz“ als der „Oktoberrevolution“ sprechen. Erst in den folgenden Monaten sollte sich zeigen, wie einschneidend die Machtübernahme der Bolschewiki die weitere Entwicklung Russlands bestimmen sollte.

Die Bolschewiki bauen ihre Macht aus

In den Wochen nach dem Sturz der provisorischen Regierung gingen die Bolschewiki zielstrebig daran. ihre Macht zu sichern und auszubauen. In ihrer Vorgehensweise unterschied sich die bolschewistische Partei damit fundamental von der provisorischen Regierung und den sie stützenden Parteien, die in vielem eine schwankende, wenig konsequente Politik verfolgt hatten.

Anfangs war der Widerstand gegen die Bolschewiki schwach. Kerenski versuchte zwar im November 1917 Petrograd zurückzuerobern, doch er fand kaum Unterstützung in der Armee und musste ins Exil fliehen. Sozialrevolutionäre und Menschewisten waren ebenso wie die bürgerlichen Kadetten davon überzeugt, dass sich die Bolschewisten nicht lange an der Macht halten würden. Sie unternahmen anfangs wenig, um einen konsequenten Widerstand zu organisieren. Lenin machte dagegen schon gleich nach der „Oktoberrevolution“ deutlich, dass er nach der ungeteilten Macht im Land strebte und die Opposition ausschalten wollte. Bereits im November ließ Lenin verschiedene Zeitungsredaktion durchsuchen oder schließen. Anführer der Kadetten und der (rechten) Sozialrevolutionäre wurden inhaftiert. Eher gemäßigte Bolschewiki wie Kamenew und Sinowjew traten aus Protest gegen die Politik Lenins im November aus dem Zentralkomitee der Partei aus.

Anfangs unterstützen die Bolschewiki die lokale Räteherrschaft auf dem Land und in den kleineren Städten. Dies geschah aber nicht, weil Lenin demokratische Prozesse im Land voranbringen wollte. Vielmehr ging es ihm darum, die Macht der Grundbesitzer als auch der lokalen Politiker, oft Sozialrevolutionäre, im ländlichen Russland zu brechen. Die Unterstützung Lenins für die Fabrikkomitees der Arbeiter in den großen Städten verfolgte dagegen den Zweck, die Position der Unternehmer zu schwächen. Nachdem die Bolschewiki ihre Macht voll etabliert hatten, wurden diese Gremien der Selbstverwaltung wieder abgeschafft.

Die konstituierende Versammlung

Die Parteien der Opposition setzten Ende 1917 ihre Hoffnung ganz auf die konstituierende Versammlung, die ja bereits schon seit der Februarrevolution hätte tagen sollen. Lenin war kein Befürworter der konstituierenden Versammlung. Doch in der Vergangenheit hatten sich die Bolschewiki immer wieder für die Einberufung der konstituierenden Versammlung stark- gemacht und wagten nun nicht ihr Versprechen zu brechen. Die Wahlen zur konstituierenden Versammlung, die relativ frei und demokratisch abliefen, waren für die Bolschewiki ein Rückschlag. Die Sozialrevolutionäre erhielten 38 %, während die Bolschewiki nur 24 % der Stimmen bekamen. Arbeiter und Soldaten, vor allem in den großen Städten, stimmten überwiegend für die Bolschewiki. Dagegen hatten die Sozialrevolutionäre unter den Bauern, besonders in Südrussland und Sibirien, sehr hohe Stimmenanteile. In diesen Regionen gab es eine vergleichsweise freie und wohlhabende Bauernschaft.

Aufgrund der für sie ungünstigen Mehrheitsverhältnisse in der konstituierenden Versammlung versuchten die Bolschewiki, deren Arbeit von Anfang zu behindern. Die Zusammenkunft der Versammlung wurde verzögert und gleichzeitig der Druck auf die Opposition erhöht, z. B. wurde die liberale Partei der Kadetten verboten. Erst im Januar 1918 kam es zur ersten Zusammenkunft der konstituierenden Versammlung. Bereits zwei Tage später wurde sie von den Bolschewiki aufgelöst, trotz massiver Proteste der Menschewiki und des größten Teils der Sozialrevolutionäre. Damit war das erste demokratisch gewählte Parlament Russlands bereits wieder Geschichte.

Die Auflösung der konstituierenden Versammlung markierte den endgültigen Bruch zwischen den Bolschewiki und den anderen Parteien der Linken. Nur die linken Sozialrevolutionäre unterstützten zu diesem Zeitpunkt noch die Politik der Bolschewiki. Später vollzogen auch sie den Bruch mit der bolschewistischen Partei.

Die Mehrheit der Sozialrevolutionäre versuchte nun den Widerstand, gegen die Bolschewiki in den Provinzen zu organisieren. Dort hatten sie traditionell ihre Hochburgen. Allerdings zeigte sich schnell, dass den Bauern zwar ihre regionale Selbstverwaltung in den Räten wichtig war, dass ihnen aber die Schließung der konstituierenden Versammlung gleichgültig war. Nur in einigen südrussischen Städten gab es ernsthaften Widerstand gegen die Bolschewiki.  

Die Tscheka – ein Instrument des Terrors

Auch in der Hauptstadt gingen nun die Bolschewiki daran, ihre Macht auszubauen. Das Militärische Revolutionskomitee wurde Anfang Dezember aufgelöst. Seine Aufgaben wurden auf die neu gegründete Geheimpolizei Tscheka (Abk. für Allrussische Außerordentliche Kommission zur Bekämpfung von Konterrevolution, Spekulation und Sabotage) übertragen. Es gab kein Dekret über die Gründung der Tscheka. Sie agierte von Anfang an außerhalb des Gesetzes. Leiter der Tscheka wurde Felix Dserschinski, ein Pole, der sich schon früh am revolutionären Widerstand gegen den Zaren beteiligt hatte. Dserschinski beschrieb Auswahl und Aufgabe seiner Mitarbeiter eindeutig: “An diese Front - die gefährlichste und grausamste aller Fronten - müssen wir entschlossene, harte, hingebungsvolle Genossen schicken, die bereit sind für die Verteidigung der Revolution alles einzusetzen.... Jetzt herrscht Krieg – von Angesicht zu Angesicht, ein Kampf bis zum Ende. Leben oder Tod!“ Ab Sommer 1918 war die Tscheka voll etabliert und die Phase des „Roten Terrors“ begann. Es kam allerdings schon ab Anfang 1918 zu einer verstärkten Verfolgung von Vertretern des Bürgertums, die als Feinde der Revolution betrachtet wurden. Oft handelte es sich dabei um Verleumdungen und private Racheaktionen. Die „Burschui“ (abgeleitet vom Wort Bourgeois) wurden zum Feindbild für viele Arbeiter und Bauern. Die Racheaktionen wurden von den Bolschewisten zumindest geduldet, mitunter sogar gefördert. Selbst Lenin forderte die „Säuberung der russischen Erde von allem Ungeziefer, von den Flöhen – den Gaunern, von den Wanzen – den Reichen usw.“ Dabei befürwortete er vor allem Gefängnis und Zwangsarbeit, schloss aber auch Erschießungen nicht aus.  

Die Bolschewiki schafften das alte Strafrechtssystem ab, da es für sie ein Relikt der „bürgerlichen Ordnung“ war. Stattdessen führten sie Volksgerichte ein, bei denen die Richter keine juristische Ausbildung hatten, sondern überwiegend Bauern und Arbeiter waren. Dabei wurde oft im Schnellverfahren geurteilt, ohne ein formales Beweisaufnahmeverfahren. Das Strafmaß richtete sich häufig nach dem sozialen Stand der Angeklagten und ihrer Opfer. So erhielten Spekulanten bürgerlicher Herkunft mitunter die Todesstrafe, während Räuber, deren Opfer Bürgerliche waren, oft mit milden Strafen davonkommen. Die Klassenjustiz der Zarenzeit wiederholte sich nun unter umgekehrten Vorzeichen. Im Februar 1918 befahl Lenin den Volksgerichten:“ Feindliche Agenten, Spekulanten, Plünderer und konterrevolutionäre Agitatoren sind am Tatort zu erschießen.“

Politische und gesellschaftliche Veränderungen durch die Bolschewiki

Eine entscheidende Rolle bei der Etablierung der Macht der Bolschewiki spielte der Rat der Volkskommissare (Sownarkom) . Die Volkskommissare hatten die Aufgaben und Funktionen von Ministern im bolschewistischen Regierungssystem. Der Rat der Volkskommissare erließ Gesetze und fällte wichtige Beschlüsse. Vorsitzender des Sownarkom war Lenin. Alle wichtigen Entscheidungen wurden im Sowarkom getroffen, der keiner parlamentarischen Kontrolle unterstand. Zudem tagte der Sownarkom in der Parteizentrale der Bolschewiki und behandelte sowohl Regierungs- wie Parteiangelegenheiten. Durch den Sownarkom verlagerte sich die politische Macht ganz auf die bolschewistische Partei, die damit auch Regierungsfunktionen erlangte.

Die orthodoxe Kirche hatte lange die Herrschaft des Zaren aktiv unterstützt und sich gegen Reformen im Land gewandt. In der Februarrevolution hatte die Kirche eine eher abwartende Position eingenommen. Auch nach der Oktoberrevolution blieb die Kirche anfangs neutral. Diese Haltung änderte sich aber mit Lenins berühmtem Dekret über die Neuverteilung des Landes. Mit ihm wurde Privatbesitz an Grund und Boden, sowohl der Gutsherren als auch der Kirche, aufgehoben. Damit war die, zuvor sehr wohlhabende, orthodoxe Kirche praktisch enteignet worden. Weiter verschärft wurde die Lage der Kirche durch das Dekret „Über die Trennung der Kirche vom Staat“ aus dem Januar 1918. Darin wurde zwar freie Religionsausübung garantiert, aber den Religionsgemeinschaften das Recht zum Besitz abgesprochen. Zugleich stelle der Staat sämtliche Geldtransfers an die Kirche ein.

Von nun an stellte sich die Führung der orthodoxen Kirche gegen die Bolschewiki und rief zum Widerstand gegen deren Politik auf. Als Reaktion darauf kam es zu Übergriffen gegen Geistliche und Plünderungen von Kirchen und Klöstern. Viele Priester wurden dabei getötet. Die Kirchengebäude wurden zweckentfremdet oder verfielen in den kommenden Jahren. Die Verfolgungen erklären, warum sich die orthodoxe Kirche im beginnenden Bürgerkrieg des Jahres 1918 ganz überwiegend auf die Seite der antibolschewistischen Kräfte stellte.

Im Gegensatz zur Kirche begrüßte die Mehrheit der Bauern die Aufhebung des Kirchenbesitzes und der großen Güter. Der Besitz wurde an Bauernkomitees und Bauernsowjets übergeben, die das Land unter den Bauern verteilten. Damit waren die Bolschewiki von ihrer früheren Forderung nach einer Nationalisierung und Verstaatlichung der großen Güter abgerückt. Indem das Land nun unter den kleinen und mittleren Bauern verteilt wurde, wurde der bäuerliche Privatbesitz auf dem Land, zumindest vorübergehend, wieder gestärkt. Dadurch gelang es den Bolschewiki einen Teil der Bauern, die zuvor überwiegend Anhänger der Sozialrevolutionäre gewesen waren, auf ihre Seite zu ziehen. Allerdings sollte sich das Verhältnis der Bolschewiki zu den Bauern in den kommenden Jahren wieder verschlechtern. Da die Versorgung in den Städten im Laufe des Jahres 1918 immer schlechter wurde, gingen die Bolschewiki dazu über Getreide in den Dörfern zu beschlagnahmen, um dies in die Städte zu liefern. Da die Bauern häufig Widerstand leisteten, wurden die Beschlagnahmen mit Gewalt durchgesetzt. In einigen Regionen des Landes kam es zu Bauernaufständen gegen die Politik der Bolschewiki.

Die Friedensverhandlungen Russlands mit den Mittelmächten in Brest-Litowsk

Mitte Dezember 1917, also nur etwa fünf Wochen nach der Machtergreifung der Bolschewiken kam es zu einem Waffenstillstand zwischen dem Deutschen Reich und Russland. Lenin befürwortete die schnelle Aufnahme von Friedensverhandlungen und die Annahme der sehr weitgehenden deutschen Forderungen. Für Lenin hatte die Vollendung der Revolution Vorrang gegenüber der Fortführung des Krieges. Zudem hatte er ja schon in seinen Aprilthesen im Frühjahr 1917 einen schnellen Friedensschluss gefordert.

Bereits am 8. November 1917 hatte die neue, bolschewistische Regierung eine Deklaration veröffentlicht, die sich an alle Krieg führenden Mächte richtete. Darin enthalten war die Forderung, dass die besetzten Gebiete von allen Kriegsparteien geräumt werden und ein Frieden ohne Annexionen geschlossen werden sollte. Zudem sollte generell auf die Zahlung von Reparationen verzichtet werden. Die Staaten der Entente gingen auf das russische Angebot nicht ein, während die Mittelmächte sich zu Verhandlungen und einem Waffenstillstand mit Russland bereit erklärten.

Trotzki hatte als russischer Verhandlungsführer das Ziel, die Verhandlungen in die Länge zu ziehen. Denn er war überzeugt, dass eine erfolgreiche Revolution in Deutschland und Österreich nur eine Frage von einigen Monaten sei. Dann hätte Russland eine bessere Verhandlungsposition gehabt. Doch Trotzki musste auch, aufgrund der immer dramatischer werdenden politischen und ökonomischen Lage Russlands, unbedingt ein Wiederaufleben der Kämpfe mit Deutschland vermeiden.  Von deutscher Seite war jedoch kein Entgegenkommen zu erwarten, da man militärisch im Vorteil war.

Lenin, für den das Überleben der Revolution absolute Priorität hatte, plädierte für eine Annahme der deutschen Forderungen. Dagegen erhob sich im Zentralkomitee der kommunistischen Partei Russlands massiver Widerstand. Die Mehrheit seiner Mitglieder, angeführt vom Vertreter des linken Flügels der Bolschewiki Bucharin, wandte sich gegen die Annahme der deutschen Forderungen. Sie plädierten für einen „revolutionären Krieg“ gegen Deutschland.

Lenin machte sich keine Illusionen über die Kampfkraft der russischen Armee nach der Oktoberrevolution und sah die militärische Lage als hoffnungslos an. Zudem war er der Meinung, dass die Hauptaufgabe des jungen Sowjetstaates darin liege die Feinde im Inneren zu bekämpfen: „Die Bourgeoisie muss erwürgt werden, und dafür müssen wir beide Hände freihaben“.

Bei der entscheidenden Abstimmung im Zentralkomitee der bolschewistischen Partei schwenkten Bucharin und seine Anhänger auf die Position Trotzkis ein, der mit seiner Losung „Weder Krieg noch Frieden“ zwischen Lenin und Bucharin stand. Nach seiner Abstimmungsniederlage gegen Trotzki im Zentralkomitee unterstützte auch Lenin dessen Position, allerdings mit großen Vorbehalten.

Die militärische Führung Deutschlands setzte zu diesem Zeitpunkt auf einen Verfall Russlands. Die Forderungen der Deutschen vom 9. Februar 1918 in Brest-Litowsk waren noch weitergehend als die vorgehenden deutschen Erklärungen. Sie enthielten sogar die Abtretung der russischen Ostsee- und Schwarzmeerküste. Die russische Delegation verließ daraufhin unter Protest die Verhandlungen und die deutsche Armee setzte ihren Vormarsch wieder fort.

Da die russische Armee nicht mehr kampfbereit war, konnten die deutschen Truppen vorrücken, ohne auf erwähnenswerten Widerstand zu treffen. Innerhalb kurzer Zeit eroberten die Deutschen große Gebiete, wobei sie sogar die russische Eisenbahn benutzen konnten. Der  deutsche General Hoffmann äußerte sich dazu, dies sei „der komischste Krieg, den ich je erlebt habe.......Man setzt eine Handvoll Infanteristen mit Maschinengewehren und einer Kanone auf die Bahn und fährt los bis zur nächsten Station, nimmt die, verhaftet die Bolschewiki, zieht mit der Bahn weitere Truppen nach und zieht weiter.“

Trotzkis Strategie des „weder Krieg noch Frieden“ war nicht aufgegangen. Lenins Warnung, dass ohne die schnelle Unterzeichnung eines Friedensvertrages mit Deutschland die Revolution in Russland gefährdet sei, bewahrheitete sich. „Das wird zweifellos ein schmachvoller Friede sein, aber wenn wir uns auf den Krieg einlassen, dann wird unsere Regierung hinweggefegt werden“, begründete Lenin seine Position.

Die russische Delegation kehrte nach Brest-Litowsk zurück. Aufgrund der schwierigen Situation Russlands konnte Trotzki seinen deutschen und österreichischen Verhandlungsgegnern kaum noch Argumente entgegensetzen. Am 3. März 1918 wurde der Friedensvertrag von allen anwesenden Delegationen unterzeichnet.

Russland wurde im Vertrag von Brest-Litowsk gezwungen, Polen, Finnland, die Ukraine, Litauen und Lettland abzutreten. Weißrussland und Estland blieben von deutschen Truppen besetzt. Und im Kaukasus musste Russland auf alle Gebiete verzichten, die es seit 1878 erobert hatte. Insgesamt verlor Russland über ein Drittel seiner städtischen Bevölkerung und ein gutes Viertel seines europäischen Territoriums. Außerdem verlor das Land über 89 Prozent seiner Kohlebergwerke, 73 Prozent seiner Eisenindustrie und 26 Prozent seines Eisenbahnnetzes.

Durch den Vertrag von Brest-Litowsk entstand ein sowjetischer Revanchismus. Die Rote Armee eroberte bereits im Bürgerkrieg Weißrussland, den Kaukasus und die Ukraine (bis auf den Westteil, der an Polen fiel) zurück. 1939 besetzten sowjetische Truppen den Westteil der Ukraine und 1940 auch das Baltikum. Nach zwischenzeitlicher Eroberung durch das nationalsozialistische Deutschland fielen diese Gebiete 1945 wieder an die Sowjetunion. Lenins Strategie die Revolution durch einen Friedensschluss mit Deutschland zu retten, war, in historischer Perspektive, letztendlich erfolgreich.

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Bürgerkrieg und Matrosenaufstand

Der Bürgerkrieg: das Versagen der antibolschewistischen Kräfte

Der bewaffnete Widerstand gegen die Herrschaft der Bolschewiki flammte erstmals im November 1917 in Südrussland auf. Dort erhoben sich Teile der Kosaken, die seit Jahrhunderten als Wehrbauern in der Don- und Kubanregion siedelten. Die Kosaken hatten in der Zarenzeit die Elite der russischen Armee gebildet und standen zum Zaren loyaler als andere Bevölkerungsgruppen. Der Aufstand unter dem Kosakenführer Kaledin wurde im Februar 1918 von bolschewistischen Soldaten niedergeschlagen.

Doch bereits im Mai 1918 kam es zu einem erneuten Aufstand der Kosaken. Die neuerliche Erhebung war eine Reaktion auf die Unterdrückung und den Terror durch die Rote Armee nach der Niederschlagung des ersten Kosakenaufstandes. Dieser zweite Aufstand der Kosaken wurde durch das Vordringen der deutschen Armee im Frühjahr 1918 von der Ukraine ins Don-Gebiet begünstigt. Die Deutschen unterstützten den Aufstand der Kosaken durch Waffenlieferungen. Doch nicht nur von Süden, sondern auch aus dem Osten Russlands, wurde die Herrschaft der Bolschewiki bedroht.  In Sibirien sammelten sich unter der Führung des Admirals Koltschak konterrevolutionäre Kräfte. Es gelang ihnen bis zum Frühjahr 1919 weit über den Ural ins russische Kernland vorzustoßen, denn die Bolschewiki waren in Sibirien  schwach organisiert und konnten Koltschak nur wenig entgegensetzen. Ab dem Sommer 1919 erfolgte jedoch eine große Gegenoffensive der Bolschewiki. Bis zum November 1919 hatten sie das ganze Herrschaftsgebiet Koltschaks wiedererobert. Koltschak wurde gefangen genommen und einige Wochen später erschossen.

Koltschak war vor allem daran gescheitert, dass es ihm nicht gelungen war, die Bevölkerung politisch für sich zu gewinnen. Er hatte kein Konzept für politische Reformen und etablierte eine Militärdiktatur. Die Bauern fürchteten, dass ihnen das Land, das sie nach der Revolution erhalten hatten, wieder weggenommen werden sollte. Teilweise wurden im Herrschaftsgebiet Koltschaks Bauern gezwungen, Land an die Gutsbesitzer zurückzugeben. Auch unter den Arbeitern fand Koltschak keine Zustimmung. Koltschak stieß auf immer größeren Widerstand, je mehr er sich den zentralrussischen Gebieten näherte, in denen die Bolschewiki die stärkste Unterstützung erhielten.

Die Niederlage Koltschaks war ein schwerer Rückschlag für die „Weißen“. Allerdings rückten zur gleichen Zeit auch von Süden Weißgardisten in Richtung Moskau vor. Sie standen unter der Führung des Generals Denikin, der schon in der Zarenarmee wichtige Funktionen bekleidet hatte. Denikin führte eine Armee russischer Freiwilliger, von denen sehr viele Kampferfahrung aus dem Ersten Weltkrieg besaßen. Mit seiner gutausgebildeten Armee gelang es Denikin der Roten Armee schwere Niederlagen zuzufügen. So gelangten Denikins Weißgardisten bis zur Stadt Orjol, nur 350 km südlich von Moskau. Da es jedoch in der Zwischenzeit den Bolschewiki gelungen war Koltschak in Sibirien zu schlagen, konnten sie nun mit vereinten Kräften die Armee Denikins angreifen. Dabei kam ihnen zu Hilfe, dass die Truppen Denikins und seiner Generäle zu schnell vormarschiert waren und dabei ihre Nachschublinien stark überdehnt hatten. Die Rote Armee konnte die Weißgardisten bis ans Schwarze Meer zurückwerfen, wo Denikin und viele seiner Soldaten von französischen und britischen Schiffen evakuiert wurden

Letztendlich war auch Denikin daran gescheitert, dass er kein überzeugendes Konzept für die zukünftige Entwicklung Russlands hatte. In den Gebieten, die Denikin von den Bolschewiki erobert hatte, wurde den Großgrundbesitzern in vielen Fällen ihr Land zurückgegeben, das ihnen zuvor die Bolschewiki weggenommen hatten. Da die Truppen Denikins zudem häufig Lebensmittel und Getreide bei den Bauern beschlagnahmten, verstärkte dies deren Abneigung gegen die „Weißen“. Es kam zu Bauernaufständen im Hinterland der von Denikin eroberten Gebiete. Außerdem verschloss sich Denikin einem Bündnis mit den separatistischen Kräften in der Ukraine, obwohl sie die Bolschewiki als gemeinsamen Feind hatten und Denikin die Ukraine als Durchmarschgebiet nach Norden nutzte. Doch Denikin und seine Anhänger vertraten eine großrussische Ideologie und lehnten eine Autonomie oder gar Unabhängigkeit der Ukraine ab.

Mit der Flucht von Denikins Armee war der Hauptwiderstand der „Weißen“ gebrochen. Zwar konnte General von Wrangel, ein Kommandeur aus Denikins Armee, nach dessen Flucht ins Ausland noch eine einjährige Herrschaft auf der Krim errichten. Es war von Wrangel gelungen, die Bauern für sich zu gewinnen, da er ihnen das durch die Bolschewiki erhaltene Land zusicherte. Aber Wrangels Reformpolitik kam zu spät. Im November 1920 eroberte die Rote Armee auch die Krim und Wrangel wurde mit den Resten seiner Armee evakuiert.

Der Vollständigkeit halber sollte erwähnt werden, dass es auch im Norden Russlands eine Offensive der Weißgardisten unter General Judenitsch gab. Doch sein Versuch Petrograd zu erobern, wurde von den Bolschewiki zurückgeschlagen und Judenitsch musste sich ins Baltikum zurückziehen.

Mit dem Sieg über die „Weißen“ im Bürgerkrieg hatten die Bolschewiki ihre Macht gesichert. Allerdings war der Sieg mit hohen Verlusten erkauft worden. Fast 800.000 Soldaten starben in den Kampfhandlungen und mehrere Hunderttausend weitere durch Krankheiten und Seuchen. Bei den ums Leben gekommenen Zivilisten gibt es nur Schätzungen: es sollen zwischen sechs bis acht Millionen sein.

In der Weltöffentlichkeit war das Image der Bolschewiki besonders durch den Mord an der Zarenfamilie im Juli 1918 belastet. Es ist wahrscheinlich, aber bis heute nicht endgültig geklärt, dass Lenin direkt den Befehl für die Erschießung des Zaren gab. Im Sommer 1918 näherten sich antibolschewistische Truppen der Stadt Jekaterinburg, in der der Zar interniert war. Die Bolschewiki mussten damit rechnen, dass im Fall der Eroberung Jekaterinburgs der Zar befreit würde. Damit verbunden war die Angst der Bolschewiki, dass Nikolai dann für die „Weißen“, in deren Reihen sich viele Monarchisten befanden, zur einigenden Identifikationsfigur werden könnte. Trotzki nannte in seinen 1935 geschriebenen Erinnerungen Lenin als Auftraggeber für den Zarenmord. Zwar hatte es auch Überlegungen zu einem großen Schauprozess gegen den Zaren in Moskau gegeben, doch angesichts der schwierigen militärischen Lage wurde dieses Vorhaben wieder fallen gelassen.

Der Kronstädter Matrosenaufstand und die „Neue Ökonomische Politik“

Auch nach dem Ende des Bürgerkrieges gegen die Weißen blieb Russland ein instabiles Land. Die Führung der Bolschewiki versuchte durch eine Politik der Verstaatlichung, ihre wirtschaftliche Machtbasis zu sichern. Zugleich baute die Partei ihre Macht nach dem Bürgerkrieg immer mehr aus. Russland begann sich in eine sozialistische Diktatur zu verwandeln. Viele Anhänger der Bolschewiki kritisierten diese Entwicklung. Die Unzufriedenheit wuchs auch aufgrund der sehr schwierigen Wirtschafts- und Versorgungslage. Sie entlud sich im Kronstädter Matrosenaufstand im März 1921. Die Matrosen der russischen Flotte hatten in der Oktober Revolution und dem Bürgerkrieg zu den treuesten Anhängern der Bolschewiki gehört. Doch sie sahen ihre Ideale einer Räteherrschaft und eines freiheitlichen und demokratischen Sozialismus gefährdet und erhoben sich gegen die Partei. Der Aufstand wurde mit Verlusten von über 10.000 Soldaten von der Roten Armee niedergeschlagen. Doch seitdem war die Herrschaft der Bolschewiki mit dem Makel behaftet, die revolutionären Matrosen zu Hunderten nach dem Ende der Kämpfe liquidiert zu haben.

Allerdings war eine Folge des Aufstandes, dass Lenin seine Wirtschaftspolitik änderte und die „Neue Ökonomische Politik“ einleitete. Die Phase des Kriegskommunismus mit seinen stark zentralistischen Wirtschaftsstrukturen war damit beendet. Durch die „Neue Ökonomische Politik“ wurde die Wirtschaft liberalisiert und es wurden begrenzte marktwirtschaftliche Praktiken zugelassen.

Mit der Änderung seiner Wirtschaftspolitik gelang es Lenin die junge Sowjetunion wirtschaftlich und politisch zu stabilisieren und die Versorgung der Bevölkerung deutlich zu verbessern. Ab Mitte 1921 war die Macht der bolschewistischen Partei gesichert. Die Revolution war abgeschlossen.  Mit Lenins Tod 1924 verloren die Bolschewiki jedoch ihre führende Persönlichkeit, deren Autorität von der gesamten Partei akzeptiert wurde. Nach einer mehrjährigen Übergangphase, die von Machtkämpfen geprägt war, dominierte ab 1928 Stalin die sowjetische Politik. Mit der von Stalin angeordneten Zwangskollektivierung und dem Terror gegen große Teile der Bevölkerung begann das düsterste Kapitel der Geschichte der Sowjetunion.

Autor: Mathias van Hofen, m.v.hofen[at]gmx.de

Literatur

Figes, Orlando „Russland. Die Tragödie eines Volkes. Die Epoche der russischen Revolution 1891 bis 1924“. Berlin, 2014.

Haumann, Heiko „Die Russische Revolution 1917“. Köln, 2016.

Hildermeier, Manfred „Russische Revolution“. Frankfurt, 2004.

Koenen, Gerd „Der Russland-Komplex. Die Deutschen und der Osten 1900-1945. München, 2005.

Leonhard, Jörn „Die Büchse der Pandora. Geschichte I. Weltkrieges“. Bundeszentrale für politische Bildung, 2014.

Trotzki, Leo „Geschichte der Russischen Revolution“ (Orginalausgabe 1930) und „Mein Leben“ (Orginalausgabe 1929) https://www.marxists.org/deutsch/archiv/trotzki/


 

Anmerkung

 

In Russland galt bis 1918 der Julianische Kalender. Wie in den meisten historischen Schriften wird auch in diesem Text die Zeitrechnung des Julianischen Kalenders bis zum März 1918 benutzt. So fand die Oktoberrevolution am 25. Oktober 1917 statt (nach dem in Westeuropa gültigen Gregorianischen Kalenders wäre dies der 7. November 1917 gewesen). Die Zeitdifferenz zwischen beiden Kalendern beträgt immer 13 Tage.

 
 
 
 
 

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