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Deutsche Schulbücher: Stalins Feldzug gegen Bauern

Dr. Ernst Lüdemann

„Der Holodomor in deutschen Schulbüchern“, so sollte der Titel meines Vortrags lauten. Der Holodomor als solcher kommt jedoch im deutschen Schulunterricht – so muß nach Durchsicht der gängigen Lehrmaterialien gefolgert werden - überhaupt nicht vor. Das betrifft sowohl die Bezeichnung als auch die geschichtliche Einordnung des Ereignisses. Insofern ist es korrekter, von „Stalins Feldzug gegen die Bauern in deutschen Schulbüchern“ zu reden. Dieses Verbrechen Stalins wird tatsächlich in manchen Geschichtsbüchern für den Schulgebrauch als Feldzug, teilweise sogar als Vernichtungsfeldzug, als regelrechter Krieg auf dem Lande gegen die Bauern dargestellt, die sich ihre Habe nicht wegnehmen lassen und nicht in die Kolchosen eintreten wollten. Die massenhafte Hungersnot wird also, wenn überhaupt behandelt, als direkte Folge der Zwangskollektivierung und der „Entkulakisierung“ angesehen, auch von Autoren, die den menschenverachtenden Charakter des stalinistischen Regimes durchaus darstellen wollten. Es kann aber nicht genug betont werden kann: Der Holodomor wurde nicht unmittelbar durch die Zwangskollektivierung und den Kampf gegen die Kulaken verursacht, wenngleich ein gewisser Zusammenhang besteht. Ich komme noch auf diesen Punkt.

Ich möchte noch einmal betonen: Es sollen hier keineswegs die Autoren und Autorinnen der entsprechenden Schulbücher kritisiert werden. Tatsächlich hat sich in der Osteuropakunde seit R. Conquest und J. Mace, also seit Mitte der 80er Jahre, die Erkenntnis, daß es sich bei der Aushungerung der ukrainischen Bauern um Massenmord handelte, sehr langsam durchgesetzt. Mein Anliegen ist vielmehr, Forderungen an künftige Auflagen zu richten. Heute, da die Forschung weitergeschritten ist und der Holodomor bereits internationale Aufmerksamkeit erfährt, sollte eines der schlimmsten Verbrechen des 20. Jahrhunderts in deutschen Schulbüchern des Geschichtsunterrichts nicht fehlen.

Die von mir untersuchten Geschichtsbücher für den Schulgebrauch lassen sich in drei etwa gleich große Gruppen aufteilen. In einem Teil werden selbst die Zwangskollektivierung und ihre Opfer nicht behandelt, in einem weiteren Teil der Bücher knapp erwähnt und in einigen Schulmaterialien mit Einzelheiten, aber objektiv noch verharmlosend dargestellt.

In keinem der Lehrmaterialien– mit einer einzigen rühmlichen Ausnahme – erscheinen besondere Völker als Opfer des Stalinismus, sei es durch den Holodomor oder andere Verbrechen wie Säuberungen oder Massendeportationen. So wird die Tatsache, daß mit dem weiteren Verlauf der Zwangskollektivierung eine nationale Tragödie schlimmster Art für Kasachen und Ukrainer verbunden ist, nirgendwo beleuchtet. Sogar die regionale Verteilung der Hungertoten auf Ukraine, Kubangebiet, Untere Wolga wird selten genannt. Was ist der Grund dafür?

Die Nationalitätenpolitik des Vielvölkerstaates Sowjetunion wurde vor 1991 jahrzehntelang selbst von vielen Fachleuten hintangestellt. Dabei war sie ein enorm wichtiges Gebiet der sowjetischen Politik, nicht weniger wichtig als z.B. die Industrialisierung oder die Agrarpolitik. Mehr noch: sie war der entscheidende Grund für die Auflösung der Sowjetunion, und auf sie gehen einige Konflikte unter den Nachfolgestaaten zurück G. Stöber verweist schon 1995 darauf, daß in deutschen Schulbüchern erst nach dem Ende der Sowjetunion die ethnische und nationale Vielfalt ihrer Völker berücksichtigt wird. Heute noch undifferenziert von der Gesamtbevölkerung der UdSSR zu reden, als hätte es ein einziges Sowjetvolk gegeben, ist ein gravierender Fehler; er sollte in neueren Bearbeitungen unbedingt korrigiert werden, und dies nicht nur im Zusammenhang mit dem Holodomor.

Tatsächlich wird in einem Schulbuch – dies ist die erwähnte Ausnahme - die große Säuberung von 1937-39 (korrekt) auch als nationalitätenpolitische Zwangsmaßnahme erläutert und zudem die Nationalitätenpolitik insgesamt kritisch beleuchtet. Doch gerade in diesem Buch heißt es: Die Kulaken hätten die Kommunisten „nicht ins russische Dorf“ zugelassen. Dabei ist die propagandistische Gleichsetzung von Kulaken mit ukrainischen reichen habgierigen Bauern in sowjetischer Zeit so manifest, daß in der Nachbarrepublik Weißrußland sogar das ukrainische Wort „Kurkul“ anstelle des russischen „Kulak“ übernommen wurde. Die Wahrheitswidrigkeit der Sowjetpropaganda gegen die Kulaken wird übrigens in einem großen Teil der Schulbücher durchaus gekennzeichnet.

Die horrenden Opferzahlen im ukrainischen Volk (und bei den Kasachen) müssten auch dann besonders genannt werden, wenn die Deutung als „Genozid“ abgelehnt und die Tatsache, daß auch in anderen sowjetischen Gebieten Hunger herrschte, betont wird. Doch die Sondermaßnahmen, die nur in der Ukraine und im Kubangebiet in Kraft gesetzt wurden, forderten hier weitaus mehr Todesopfer als in den anderen Regionen, die ebenfalls vom Hunger heimgesucht wurden. Für den Zusammenhang mit der Nationalen Frage der Sowjetunion sprechen für mich zwingende Indizien. Eindeutig hat Stalin selbst expressis verbis dieses Gebiet der sowjetischen Politik, nämlich den Kampf gegen „nationalistische Abweichler“ und die „Entscheidungsschlacht um die Ukraine“ , mit der Getreidekampagne verknüpft, Im Geschichtsunterricht der Ära Brežnev wurde die Hungersnot an der unteren Wolga keinesfalls verschwiegen - im krassen Gegensatz zum ukrainischen Holodomor. Die ukrainischen „Kulaken“, so hieß es damals, hätten zur Hilfe für dieses Gebiet gezwungen werden müssen. „Für die Hungernden an der Wolga“ war in der Sowjetunion sogar eine verbreitete spöttische Redensart, die die Vergeblichkeit eines Unternehmens karikierte.

Ein weiterer wichtiger Grund für die notwenige ethnisch-nationale Zuordnung der Hungertoten des Jahres 1932/33 ist die Rolle, die diese Tragödie für die heutige ukrainische Politik spielt (Durkot) und die Anerkennung dieses historischen Unheils durch die UN. Zum 70-jährigen Gedenken verfasste die 58. Vollversammlung der Vereinten Nationen im Herbst 2003 eine Resolution (die dann auch ohne Gegenstimme angenommen wurde), in der das Hungersterben als „nationale Tragödie“ des ukrainischen Volkes ausgewiesen wurde. Mit der Ukraine zusammen erarbeiteten die Vertreter von 36 Nationen – darunter die USA und die Russische Föderation - den Text. Unterstützung kam von einer weiteren Gruppe, unter diesen waren alle damaligen EU-Staaten und Israel. Der Holodomor wurde bis heute von einem Dutzend Parlamente verschiedener Staaten - darunter die USA, Kanada, Italien, Polen, Ungarn - als Genozid anerkannt. Wenig bekannt ist die Erinnerung an den Holodomor als treibende Kraft für die ukrainische Unabhängigkeitsbewegung, die letztlich den Zerfall der Sowjetunion herbeiführte. Das schon erwähnte weltpolitische Moment ist zugleich ein welthistorisches, denn der dritte große staatenpolitische Umbruch des 20. Jahrhunderts nach den beiden Weltkriegen und ihren Veränderungen geschah eben in diesen Jahren. Auf dem Gründungskongreß der ukrainischen Unabhängigkeitsbewegung RUCH im September 1989 führt der Schriftsteller Vol. Javorivs’kyj den Hungermassenmord als erste unter den großen Katastrophen des 20. Jahrhunderts auf, von denen das ukrainische Volk betroffen wurde: „Wir haben das Jahr 1933 und das Jahr 1937 durchgestanden, wir haben den Faschismus durchgestanden, wir haben den Blitz von ?ornobyl’ durchgestanden.“ Etwas später wird er noch deutlicher und spricht von der „unerhörten künstlich herbeigeführten Aushungerung (Holodomor)“. Die nach jahrzehntelanger Verfälschung und Unterdrückung der Wahrheit sich Bahn brechende Erinnerung an den Holodomor führte die USSR – ebenso wie ?ornobyl’- auf den Weg der Autonomie und schließlich der Selbständigkeit.

Nun zu dem Teil der Schulbücher, die den Stalinismus und also auch die Massen-Hungersnot nicht erwähnen. Gründe sind: eine andere Schwerpunktsetzung des Geschichtsstoffes, andere Beispiele für bahnbrechende Entwicklungen des 20. Jahrhunderts als die Sowjetunion unter Stalin. Das ist legitim. Der Geschichtsunterricht steht angesichts der immer mehr anwachsenden Stoff-Fülle vor einem Dilemma. Dennoch ist zu fragen, ob der Stalinismus übergangen werden darf, wenn ein Schulbuch ein Kapitel „Industrialisierung verändert Wirtschaft und Gesellschaft“ enthält, denn die Industrialisierung der Sowjetunion unter Stalin war die größte in kurzer Zeit unter staatlicher Lenkung erzwungene des Jahrhunderts. Oder, wenn der Ost-West-Konflikt ausführlich behandelt und das amerikanische ideologische Selbstverständnis als imperiale Demokratie dargestellt, warum dann nicht auch der Kern der Sowjetideologie mit ihrem wahnsinnigen Anspruch, den Menschen nach ihrem Bilde neu zu formen? In einem Themenheft zu den Revolutionen geht es auch um die russische Revolution mit eben diesem Anspruch, den „neuen Menschen“ zu schaffen. Als Beispiel wird die sowjetische Frauenpolitik genommen. Der „Neue Mensch“ sollte aber wohl gerade in den Kolchosen und Fabriken geschaffen werden. Er sollte durch den Sowjetpatriotismus erzogen und geformt werden, in dem auch – in diametralem Gegensatz zum Bourgeoisen Nationalismus - jeder Zwist unter den verschiedenen Nationen überwunden sein sollte. Seit Beginn der 30er Jahre wird dieser Begriff in der Praxis russisch-nationalistisch ausgefüllt. Die Dezimierung des zweitgrößten sowjetischen Volkes steht also am Beginn der Formung des neuen „homo sovieticus“.

In einem weiteren Teil der Schulbücher werden Zwangskollektivierung und Hungersnot kurz und summarisch abgehandelt. Im Ergebnis erscheinen sie als eine Abart des stalinistischen Terrors, aber als direkte Folge der Zwangskollektivierung, als Terror gegen die Kulaken. Auch wenn in diesen Schulbüchern richtig festgestellt wird, daß der Kulak ein propagandistisches Feindbild war, die große Mehrheit der Bevölkerung gegen die Einführung der Kollektivierung war, die Zwangsmaßnahmen die gesamte Bauernschaft trafen und die Landwirtschaft dadurch zerrüttet wurde, gilt hier die Hungersnot als unabwendbare Folge dieser Faktoren: Die bäuerlichen Einzelwirtschaften verfielen; die neuen Kolchosen waren nicht arbeitsfähig. Im Winter 1932/33 brach in weiten Teilen der Sowjetunion eine Hungersnot aus (Cornelsen 2). In einem Buch wird die Hungersnot sogar unmittelbar auf den Widerstand der Kulaken zurückgeführt. Das ist völlig unannehmbar. Der schon zitierte Stöber (a.a.O.447) beurteilt Sätze wie: „Da viele Bauern, ehe sie ihre Höfe abtreten mussten, ihre Ernte vernichteten und das Vieh schlachteten, kam es zu …Hungersnöten, denen Millionen von Menschen zum Opfer vielen“ schon 1995: „aus solchen Formulierungen daraus könnten Schüler eine groteske Verkehrung der Schuldzuschreibung bezüglich der Hungeropfer herauslesen“.

Besonders fragwürdig ist die Wiedergabe einer Gorba?evrede als Quelle. Darin wird die Kollektivierung rückschauend als notwendig und als Errungenschaft bezeichnet, und die Opfer werden Fehlern und örtlichen Übertreibungen zugeschrieben. Schon 1932 und 1933 lenkten sowjetische Funktionäre mit dieser Formulierung vom eigentlichen planmäßigen und verbrecherischen Charakter der Lebensmittelrequirierungen ab. Da den Schülern im Lehrbuch kein anderes Hintergrundwissen angeboten wird als nur der spärliche Hinweis auf die Durchsetzung der Kollektivierung gegen die Mehrheit der Bevölkerung ist die Aufgabenstellung, Gorba?evs Haltung allein aus dieser Quelle wiederzugeben, nicht etwa: sie mit den historischen Fakten anhand anderer Quellen zu konfrontieren, völlig unzureichend,. Desgleichen abzulehnen ist ein Lehrbuch, in dem die Kollektivierung insgesamt sogar als notwendige wirtschaftliche Maßnahme bewertet wird, die Millionen von Opfern übergangen werden. In einem weiteren Buch dieser Gruppe wird die Zwangskollektivierung mit Quellenmaterial sauber dargestellt, die Deportationen und Verhaftungen werden genannt, jeder Hinweis auf das Hungersterben fehlt aber.

Nun zum vermeintlichen ursächlichen Zusammenhang zwischen Zwangskollektivierung und Hungersnot. Dieser Interpretation folgen sogar die Autoren des Schwarzbuchs Kommunismus, die übrigens die Hungersnot deshalb auch nicht als das schlimmste Verbrechen Stalins bewerten und die Verbindung mit der nationalen Frage ausdrücklich ablehnen. Auch hier also: Den Schulbuchautoren und –Autorinnen ist kein Vorwurf zu machen. Aber was geschah tatsächlich?

1929 – 1931 wurde das Ziel, die Hauptmasse der Bauern in die Kolchosen zu zwingen, im Wesentlichen erreicht. Zwangs- und Strafmaßnahmen im großen Stil wurden in dieser Zeit gegen aufsässige Landwirte angewandt, die weitgehend passiven, in einigen Fällen auch bewaffneten Widerstand leisteten und teilweise ihr Vieh schlachteten. Die Zahl der nach Sibirien und Zentralasien deportierten ukrainischen Bauern und ihrer Familienangehörigen in dieser „Entkulakisierung“ überschritt eine Million. Im Frühjahr 1931 war die Massendeportation abgeschlossen. Stalin hatte sein im Januar 1930 verkündetes Ziel, das Kulakentum als Klasse auszurotten, erreicht.

Die ganze Wucht der Getreiderequirierungen in der Ukraine traf 1932 – die Kolchosen. Zu ca. 85 % waren die ukrainischen Bauern bereits 1931 in ihnen organisiert. Die wenigen verbliebenen selbständigen Bauern wurden von den örtlichen und höheren Parteiführungen nicht als Kulaken bezeichnet, sondern als „Einzelbauern“ (ukrainisch: odnoosibniky) oder sogar als „werktätige Einzelbauern“, um den Unterschied zwischen ihnen und den vertriebenen Kulaken auszuweisen. Die Zwangskollektivierung war tatsächlich mit erheblichen Ertragseinbußen an Lebensmitteln einhergegangen, das Ernteaufkommen von 1931 und 1932 hätte aber, wie simple Berechnungen beweisen, vollkommen ausgereicht, um die gesamte Bevölkerung der Ukraine zu ernähren. Doch trotz der Lebensmittelknappheit legten die sowjetischen Behörden den ukrainischen Kolchosen eine derart hohe Norm der Getreideabgabe auf, dass die Bauernfamilien bereits 1931/32 in ernste Ernährungsschwierigkeiten gerieten und eine Hungersnot ausbrach, die im Frühjahr 1932 schon über 100 000 Menschenleben gefordert hatte. Die sich seit August 1932 anbahnende und im November 1932 verhängte Hungerblockade richtete sich gegen Kolchosen und die wenigen verbliebenen Einzelbauern. Stalin sprach in seinem entscheidenden Brief vom 21. 8. an Kaganovy?, in dem er den Kampf um die Ukraine begründete, kein einziges Mal von irgendwelchen Kulaken, sondern von bewussten und unbewussten Petljura-Anhängern und Agenten Pilsudskis, darüber hinaus beschimpfte er vor allem die ukrainische KP als zersetzt, nationalistisch unterwandert und opportunistisch. Im Schlüsseldokument zur Aushungerung der Kolchosen, dem Beschluß der ukrainischen Parteiführung vom 20.11.1932 in ukrainischer Sprache, am 18.11.1932 verfasst von Stalins Sonderkommissar V. Molotov, kommt 18 mal das Wort Kolchosen (Kol’hospy) vor, 3 mal ist von Kolchosbauern (Kol’hospnyky) die Rede, einmal von Einzelbauern, kein einziges Mal taucht das Wort Kulaken auf, dafür aber werden Tagediebe und Schmarotzer sowie opportunistische örtliche Parteiführungen für die mangelnde Erfüllung des Liefersolls verantwortlich gemacht. Um zu begründen, weshalb nun ausgerechnet die Kolchosen, also eine sozialistische Wirtschaftsform und angeblich die bahnbrechende sowjetische Errungenschaft, zum Feindziel der Parteiaktivisten wurden, die den Familien die letzten Vorräte zum Überleben wegnahmen und sie dann sterben ließen, gaben Kaganovy?, Balyc’kyj und andere Parteiführer die groteske, jeder Logik hohnsprechende Parole aus, „Agenten des Kulakentums“ hätten sich durch „Spalten und Schlupflöcher“ in die Kolchosen eingeschlichen und diese unterwandert. Die Hauptgefahr indes sieht Balyc’kyj (mehrfach bezeugt) in einer angeblichen nationalistischen Unterwanderung der Kolchosen.

Es ist also festzuhalten: Die Behauptung, die Zwangskollektivierung und der Kampf gegen das Kulakentum hätten als unmittelbare Folge zu einer Massenhungersnot geführt, ist falsch; sie gehört aus den Schulbüchern entfernt. In den Schulen wird offenbar noch nach einer beträchtlichen Anzahl von Lehrbüchern unterrichtet, in denen der Hungertod von Millionen ukrainischer Bauern entweder übergangen oder sogar eine verharmlosende Version der Hungersnot angeboten wird.

Das letzte Drittel der von mir untersuchten Schulbücher enthält im Unterschied zu den vorigen wichtige Einzelheiten. So wird die Tatsache erwähnt, daß die Sowjetunion trotz der Hungersnot in großem Stil Getreide ausführte. Die gleichzeitige Verarbeitung des Getreides zu Wodka, der für die Ausfuhr bestimmt war, erscheint allerdings nicht. An einer Stelle wird die Ausfuhr indes in einer so milden Form beurteilt, daß es objektiv einer Verharmlosung gleichkommt: „Obwohl sie kaum ihre eigene Bevölkerung ernähren konnte, führte die Sowjetunion Getreide aus“ Es sollte wohl heißen: Obwohl Millionen ukrainischer Bauern in ihren Kolchosen verhungerten, führte die Sowjetunion gleichzeitig Getreide aus. Doch insgesamt ist die Erwähnung der gleichzeitigen Getreideausfuhr ein großer Fortschritt gegenüber früheren Versionen der Schulbücher. Ebenso begrüßenswert ist, daß auch die konsequente Verheimlichung der Hungersnot und die Ablehnung ausländischer Hilfe benannt werden (Horizonte II). Die Zwangskollektivierung als Enteignung von Millionen von Bauern und „Kriegserklärung an die gesamte Bauernschaft“, die von Stalin direkt befohlene „Liquidierung des Kulakentums als Klasse“, die Absurdität des Feindbegriffs Kulak und der Zwang der Planerfüllung in den Kolchosen werden aufgeführt, ebenso das gewaltige Ausmaß der Hungersnot. Doch wiederum wird diese als unmittelbare Folge der Zwangskollektivierung, und (natürlich wie in allen Schulbüchern) als gesamtsowjetische Erscheinung dargestellt, in einem Buch sogar mit der „schonungslosen Ausrottung der Kulaken“ erklärt. in eins gesetzt. Massaker, Deportationen und Hungersnot mit bis zu 10 Millionen Toten werden dort als die Werkzeuge dieser Verfolgung der Kulaken bezeichnet.

Der klare Wille, die unmenschliche Terrorherrschaft Stalins auch als solche zu kennzeichnen, ist also unverkennbar. Doch es fehlen die Kenntnisse. Nirgendwo in den deutschen Schulbüchern werden die heute in der westlichen und ukrainischen Forschung überwiegend anerkannten Grundzüge des Hungermassenmordes skizziert. Um Mord handelt es sich, nicht etwa um unterlassene Hilfeleistung oder fahrlässige Tötung. Die Wegnahme aller Nahrungsmittel durch Parteiaktivisten in den einzelnen Bauernhäusern in einer ohnehin schon herrschenden Hungersnot – angeordnet im November 1932 - und die Schließung der Läden in den betroffenen Kolchosen der „Schwarzen Liste“ und zusätzlich die Versperrung der Fluchtwege, auf denen die Betroffenen sich hätten retten können, -endgültig im Januar 1933 - die Vorenthaltung lebensrettender Lieferungen, die strikte Geheimhaltung nach außen und die Ablehnung angebotener ausländischer Hilfe, die gleichzeitige Ausfuhr von Getreide, alles dies begleitet von Hasstiraden der Täter, die ihre Opfer als Getreidediebe und Saboteure beschimpften, wenn sie mit einer Handvoll Körnern ihr Leben retten wollten, lassen nur eine Bewertung zu: Massenmord. Wichtig ist, daß Stalin dieses Verbrechen gegen den Willen der Mehrheit der ukrainischen Kommunisten durchsetzte. 3500 ukrainische lokale und Bezirksparteiführungen wurden ausgetauscht, die Parteispitze der Sowjetrepublik entmachtet.

Als Forderungen an Neuauflagen ergeben sich:

  • Die Hungersnot der Jahre 1932/33 muß als das vorgestellt und bezeichnet werden, was sie war: Holodomor, Aushungerung von ukrainischen Kolchosbauern, Hungermassenmord. Insbesondere die entsprechenden Befehle der Parteiführung vom November 1932 müssen genannt werden.
  • Die nationalitätenpolitische Komponente darf nicht fehlen. Neben den Ukrainern müssen die Kasachen als Hauptopfer des Verbrechens aufgeführt werden.
  • Der Holodomor darf nicht als unmittelbare Folge der Zwangskollektivierung dargestellt oder die Hungersnot sogar mit dieser in eins gesetzt werden. Es ist klar herauszustellen, daß der Holodomor deutlich nach der Deportation von 1,8 Millionen sowjetischer Bauern einsetzte (darunter die Mehrheit Ukrainer) und daß die Wegnahme aller Lebensmittel und andere gezielte Zwangsmaßnahmen gegen ukrainische Kolchosdörfer – von Stalin und seinen Helfern in voller Kenntnis des Hungersterbens in Gang gesetzt – den Massenmord ausmachten. 

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Die Halbinsel Krim

 

Die Krim ist eine Halbinsel im nördlichen Schwarzen Meer und ist politisch zum größten Teil eine autonome Teilrepublik der Ukraine. In ihrer bewegten Geschichte erlebte die Krim unzählige Herrschaftswechsel.

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