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Nationalitäten

Die Idee vom Nationalstaat, d.h. die Vorstellung, dass staatliche Grenzen und Grenzen zwischen ethnisch-kulturellen Gemeinschaften (Nationen, Völkern) übereinstimmen sollten, wurde im östlichen Europa im Gegensatz zum westlichen Europa erst spät realisiert. Noch um 1900 stimmte keine einzige politische Grenze im Osten Europas mit der jeweiligen Sprachen- bzw. Volksgrenze überein. Vielmehr wurde die Region von den Vielvölkerreichen Österreich-Ungarn, Russland und dem Osmanischen Reich dominiert. Zwar bildeten Türken, Russen, Österreicher und Ungarn jeweils die politische Oberschicht, die Bevölkerung insgesamt bestand aber aus Tschechen, Letten, Ruthenen, Griechen, Albanern, Serben, Bosniern, Slowaken und vielen anderen Völkern.

Souveränität und neue Vielvölkerstaaten

Estnischer Chor. Foto: Wikicommons

Der Erste Weltkrieg veränderte die politische Landkarte des mittleren und östlichen Europa: Aus Monarchien wurden Republiken, die Vielvölkerreiche zerfielen und neue Nationalstaaten traten in Erscheinung. Einige Völker, so z.B. die Esten oder Letten, erlangten zum ersten Mal staatliche Souveränität. Aber schon bald wurde die Tendenz zur Erhaltung von Vielvölkerstaaten erkennbar: Die Tschechen und die Slowaken gründeten einen gemeinsamen Staatenbund, die Tschechoslowakei, und die südslawischen Staaten versammelten sich im „Königreich der Serben, Kroaten und Slowenen“ 1918 in Südosteuropa. Auch Russland blieb ein Vielvölkerreich, allerdings in einer neuen Form - als Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken (UdSSR).

Identifikationsprobleme nach dem Zweiten Weltkrieg

Die Grenzverschiebungen nach dem Zweiten Weltkrieg veränderten die politisch-territoriale Konstellation auf dem europäischen Kontinent noch einmal. Die baltischen Staaten wurden in die Sowjetunion eingegliedert, Polen verschob seine Grenzen nach Westen, und aus dem südslawischen Königreich wurde eine föderative Republik, die Mazedonien und Bosnien-Herzegowina in sein Territorium aufnahm. Zahlreiche Völker wurden deportiert oder vertrieben. Hinzu kam, dass die Staaten Osteuropas kommunistische Regierungssysteme einführten. Das alles führte dazu, dass sich zahlreiche Völker in den Staaten wiederfanden, mit denen sie sich nicht identifizieren konnten. Ihre Möglichkeiten, eine eigene Kultur zu pflegen, waren dort oft eingeschränkt. Eine effektive Möglichkeit, Einfluss auf die Nationalitätenpolitik zu nehmen, war nicht vorhanden.

Separationskonflikte und Probleme ethnischer Minderheiten

Traditioneller ungarischer Tanz. Foto: Wikicommons

Mit dem Zusammenbruch sozialistischer politischer Systeme brachen in Osteuropa zahlreiche Separationskonflikte aus. Sie führten dazu, dass mehrere Staaten aufhörten zu existieren. Diese zerfielen zum Teil friedlich - wie z.B. die Tschechoslowakei - zum Teil - wie im Fall Jugoslawiens - infolge von Kriegen. Es entstand eine Reihe neuer Staaten, wobei einige Völker ? beispielsweise die Slowenen oder die Weißrussen ? zum ersten Mal in ihrer Geschichte die Souveränität erlangten. In einigen Staaten haben Separationsbestrebungen nationaler Minderheiten zwar nicht zur Auflösung des Staates, aber doch zur politischen Destabilisierung in der Region geführt. Der Transnistrienkonflikt in der Republik Moldau war so ein Fall.

Nach dem Zusammenbruch des Ostblocks wurden die Grenzverläufe nicht revidiert. Neue Staaten entstanden in den Grenzen, die einst die kommunistischen Regierungen gezogen hatten. Ungelöste Probleme ethnischer Minderheiten sind daher nach wie vor vorhanden und können nur durch eine sensibilisierte Minderheitenpolitik bewältigt werden. Um den Frieden in der Region langfristig zu wahren, sollten die EU, die UN und andere internationale Organisationen die betroffenen Staaten bei der Lösung der Minderheitenprobleme unterstützen.

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