Außenpolitik Aserbaidschans

Beziehungen zur EU und zur NATO

Die multivektorale Außenpolitik Aserbaidschans basiert auf einer starken Position im Energiesektor und der geostrategischen Lage als Transitland zwischen Asien und Europa. Die Betonung der Souveränität, d.h. das Gebot der Nichteinmischung von außen, und die Mitgliedschaft in der Organisation der Turkstaaten (OTS) bestimmen den außenpolitischen Kurs Aserbaidschans im Zentrum der neuen regionalen Ordnung im Südkaukasus.
 

Internationale Mitgliedschaften

  
Organization of Turkic States (OTS)2021
Bewegung der Blockfreien Staaten (NAM)2011
Östliche Partnerschaft der EU2009
Europäische Partnerschaft der EU2004
Europarat2001
NATOPartnerschaft seit 1994
OSZE1992
UN1992
GUS 1991

Außenpolitik

Die Außenpolitik Aserbaidschans ist geprägt durch die Auseinandersetzung mit dem Nachbarland Armenien um Bergkarabach. Mit dem Sieg im Zweiten Krieg gegen Armenien 2020, der Wiedereroberung besetzter Gebiete und der Auflösung der Republik Arzach (Bergkarabach) 2023 änderte sich der seit 1990 bestehende regionale Status quo. Aserbaidschan konnte sich eine zentrale Position beim Aufbau einer neuen regionalen Ordnung im Südkaukasus mit engen Verbindungen nach Zentralasien, in die Golfstaaten und nach China schaffen. Wichtige sicherheitsstrategische Partner sind die Türkei und die USA, während es mit den regionalen Führungsmächten Russland und Iran Spannungen gibt.

1991 trat Aserbaidschan in die GUS ein. Von Beginn an bestimmte die Auseinandersetzung um Bergkarabach mit dem anderen GUS-Mitglied Armenien die Innen- und Außenpolitik Aserbaidschans. Dieser Konflikt wurde erschwert durch die militärische Präsenz und die Rolle Russlands als Schutzmacht Armeniens. Als Folge des Ersten Krieges um Bergkarabach 1991-1994 brachen Aserbaidschan und Armenien ihre formellen diplomatischen und kommerziellen Beziehungen ab. 800.000 Aserbaidschaner und 300.000 Armenier flohen aus den umkämpften und besetzten Gebieten. Seit 1994 hält Aserbaidschan im Bündnis mit der Türkei die Grenzen zu Armenien geschlossen. 

Auf Grundlage des sogenannten Jahrhundertvertrags von 1994 wurden ausländische, vor allem US-amerikanische Ölkonzerne in Aserbaidschan tätig. 1999 schloss die EU ein Partnerschafts- und Kooperationsabkommen mit Aserbaidschan ab. 2001 wurde Aserbaidschan Mitglied im Europarat und rückte damit stärker in den internationalen Fokus. Kritik aus dem Ausland an unfreien Wahlen und Menschenrechtsverletzungen wurde strikt abgewehrt. 

2003 beteiligte sich Aserbaidschan als einziges muslimisches Land an der „Koalition der Willigen“ und schickte Soldaten in den Irak. 
Nach der Rosenrevolution in Georgien weitete die EU 2004 ihre Kaukasuspolitik aus, die drei südkaukasischen Staaten Georgien, Armenien und Aserbaidschan wurden in die „Europäische Nachbarschaft der EU (ENP)“ einbezogen und erhielten so Unterstützung bei der Umsetzung demokratischer Reformen. Mit Methoden der „Kaviardiplomatie“ suchte Aserbaidschan den Ruf des Landes in EU-Institutionen zu stärken. Die Aserbaidschan Connection deutscher Abgeordneter in der Parlamentarischen Versammlung des Europarats ist ein Beispiel dafür.

Im Unterschied zu den anderen südkaukasischen Staaten gibt es unter der Regierung von Präsident Ilham Alijew keine Ambitionen auf einen EU-Beitritt, der Blick auf die Beitrittsproblematik der Türkei dürfte einer der Gründe dafür sein.

Parallel zu den Abkommen mit der EU ist Aserbaidschan in Organisationen der Turkvölker und in Islamischen Organisationen aktiv. Auf diese Weise erfolgt eine enge Zusammenarbeit mit der Türkei und mit ehemaligen Sowjetrepubliken in Zentralasien. 2011 trat Aserbaidschan außerdem der Bewegung der Blockfreien (NAM) bei.

Seit dem Zweiten Krieg um Bergkarabach 2020 erfolgte eine militärisch und strategisch enge Kooperation mit der Türkei und mit Israel, das Militärgerät und Technologie, ca. ein Viertel des gesamten aserbaidschanischen Rüstungsimports, liefert und die Hälfte seines Rohöls aus Aserbaidschan bezieht. Der 44-Tagekrieg im Herbst 2020 endete mit der Wiedereroberung eines Drittels des Territoriums von Bergkarabach und löste eine Fluchtbewegung der armenischen Bevölkerung aus. Ende 2020 initiierte die Türkei gemeinsam mit Aserbaidschan die „3+3-Kooperationsplattform“, welche die Zusammenarbeit der südkaukasischen Staaten mit den ehemaligen Imperial-, jetzt Regionalmächten Russland, Türkei und den Iran intensivieren soll. 2021 fand die erste Zusammenkunft in Moskau statt. 2021 unterzeichneten die Türkei und Aserbaidschan die „Schuscha-Deklaration über alliierte Beziehungen“.  

Zwei Tage vor der Vollinvasion russischer Truppen in die Ukraine 2022 unterzeichneten Russland und Aserbaidschan eine „Deklaration über alliierte Zusammenarbeit“. Aserbaidschan leistete aber dessen ungeachtet humanitäre Hilfe an die Ukraine nach Beginn der russischen Vollinvasion. Außerdem liefert Aserbaidschan seit Juli 2025 über den Trans-Balkan Korridor Gas an die Ukraine (Ukraine-Rumänien-Bulgarien). 

Auf dem Gründungsgipfel der „Europäischen politischen Gemeinschaft“ in Prag im Oktober 2022 erkannten Armenien und Aserbaidschan zum ersten Mal in einer gemeinsamen Erklärung die territoriale Integrität und Souveränität des jeweils anderen auf Grundlage der UN-Charta und der Deklaration von Alma-Ata 1991 an.

Seit Dezember 2022 blockierte Aserbaidschan den Latschin-Korridor, der Armenien und Bergkarabach verbindet. Auf diese neunmonatige Hungerblockade durch Aserbaidschan folgte im September 2023 die militärische Wiedereingliederung Bergkarabachs in aserbaidschanisches Staatsgebiet und die Vertreibung der armenischen Bevölkerung. Am 1. Januar 2024 wurde die Republik Arzach offiziell aufgelöst. Die russische Schutztruppe wurde 2024 abgezogen. Bei den Friedensverhandlungen zwischen Armenien und Aserbaidschan gab es Auseinandersetzungen vor allem um die Grenzziehungen. Außerdem forderte Aserbaidschan die Auflösung der Minsk-Gruppe der OSZE, die das Mandat für die Verhandlungen zwischen Aserbaidschan und Armenien hat und die Themen des nationalen Selbstbestimmungsrechts und der Menschenrechtsverletzungen immer wieder angemahnt hatte.

Am 8. August 2025 unterzeichneten die Regierungschefs von Armenien und Aserbaidschan, Nikol Paschinjan und Ilham Alijew, sowie als Zeuge Donald Trump in Washington eine 17 Artikel umfassende Erklärung, in der die Parteien die Bereitschaft zum Abschluss eines von ihnen ausgehandelten Friedensvertrags festhielten. Die Übereinkunft sieht die von Aserbaidschan geforderte Beendigung des OSZE-Minsk Prozesses vor. In Armeniens Sjunik-Region soll die sogenannte „Trump Route for International Peace and Prosperity“ (TRIPP) als Transitkorridor und Infrastrukturprojekt gestartet werden. Die USA würden dafür 99 Jahre exklusive Entwicklungsrechte erhalten, Armenien müsste den exterritorialen Zugang zu seinem Staatsgebiet akzeptieren, dabei aber die formale Souveränität behalten. Aserbaidschan würde durch diese in seiner Sichtweise als „Zangezur Korridor“ bezeichneten Route mit der Exklave Nachitschewan verbunden werden. Mit dem Bau der TRIPP soll in der zweiten Jahreshälfte 2026 begonnen werden.
Dieses Projekt enthält Konfliktpotenzial für die Beziehungen zum Iran. Ein von Aserbaidschan und dem NATO-Mitglied Türkei kontrollierter Korridor könnte den Zugang Irans zu regionalen Handels- und Verkehrswegen erschweren und außerdem die Aktivitäten Israels und der NATO an der Nordgrenze des Iran erleichtern.

Zu den weiteren Konfliktfeldern mit dem Iran gehören die Lage der 15 Millionen ethnischen Aserbaidschaner, die im Iran leben; der Einspruch Irans und Russlands als Anrainerstaaten des Kaspischen Meers gegen den Bau transkaspischer Pipelines sowie die Einflussnahme religiöser Gruppen aus dem Iran.

Der Unterzeichnung und Ratifizierung des Friedensvertrags mit Armenien steht aktuell die Forderung Aserbaidschans nach Änderung der Präambel der armenischen Verfassung entgegen. 

Ende Oktober 2025 hob Aserbaidschan Beschränkungen für den Transit von Gütern nach Armenien auf.

Im Februar 2026 wurde eine „Charta zur strategischen Partnerschaft“ zwischen den USA und Aserbaidschan mit dem Ziel vertiefter Zusammenarbeit in regionaler Konnektivität, Wirtschaft und Sicherheit verabschiedet.

Im Krieg zwischen den USA und dem Iran blieb Aserbaidschan neutral. Es leistet aber seit März 2026 humanitäre Hilfe an den Iran und ist Transitland für Hilfsgüter aus Russland.

Beziehungen zur EU

Die EU unterstützte das Land von 1992 bis 2018 mit 600 Millionen Euro, u.a. über die Demokratisierungsprogramme von TACIS sowie mit humanitärer Hilfe für die aus Bergkarabach geflüchtete Bevölkerung und mit Mitteln für die Umstrukturierung der Landwirtschaft und die Diversifizierung der Wirtschaft. 

Seit 1996 tagte regelmäßig der Parlamentarische Kooperationsrat EU-Aserbaidschan. 2001 wurde Aserbaidschan in den Europarat aufgenommen. 2004 wurde Aserbaidschan zusammen mit den anderen südkaukasischen Staaten in die „Europäische Nachbarschaft der EU (ENP)“ einbezogen und erhielt so Unterstützung bei der Umsetzung demokratischer Reformen. 2006 erstellte die EU im Rahmen der ENP einen Aktionsplan mit Reformforderungen hin zu mehr Rechtsstaatlichkeit. 2009 wurde die „Östliche Partnerschaft“ als eine regionale Komponente der ENP begründet und Aserbaidschan Mitglied. 2011 vereinbarte die EU eine Energiepartnerschaft mit Aserbaidschan. 2014 trat ein Visaerleichterungsabkommen mit der EU in Kraft.

2018 wurden Partnerschaftsprioritäten für die künftige Zusammenarbeit in den Bereichen Wirtschaft, Konnektivität, Energie und Umwelt, gute Regierungsführung und institutionelle Stärkung vereinbart. 2018 erhielten insgesamt 15 deutsche Parlamentarier Hausverbot in der Parlamentarischen Versammlung des Europarates (PACE) wegen des Verdachts der Bestechlichkeit und der Lobbyarbeit zugunsten Aserbaidschans, darunter Karin Strenz (CDU) und Eduard Lintner (CSU).

2022 wurde eine „Vereinbarung über eine strategische Partnerschaft im Energiebereich“ zwischen der EU und Aserbaidschan unterzeichnet mit dem Ziel der Erhöhung der Erdgaslieferungen auf mindestens 20 Milliarden Kubikmeter pro Jahr bis 2027. 

2024 förderte die EU eine Vereinbarung über die Zusammenarbeit im Bereich der Windenergie zwischen Aserbaidschan und dem europäischen Industrieverband WindEurope.

Nachdem 2024 bei den Präsidentschafts- und Parlamentswahlen keine Vertreter des Europarats zugelassen worden waren, weigerte sich die Parlamentarische Versammlung des Europarats (PACE) das Beglaubigungsschreiben der aserbaidschanischen PACE-Delegation zu bestätigen. Daraufhin setzte Aserbaidschan seine Präsenz in der Parlamentarischen Versammlung des Europarates aus.

2025-2027 stellte die EU im Rahmen der Programme der „Östlichen Partnerschaft“ Fördermittel in Höhe von 15,5 Millionen Euro zur Verfügung.

Umfragen

Bei einer Umfrage im Mai 2025 bewerteten 61 Prozent der Befragten die Beziehungen zur EU als gut. Aber nur 25 Prozent zeichneten ein positives Bild der EU. 

Beziehungen zur NATO

1992 trat Aserbaidschan dem Nordatlantischen Kooperationsrat bei, einer NATO-Organisation zur Förderung der Zusammenarbeit mit postkommunistischen Staaten. Er wurde später in den Euro-Atlantischen Partnerschaftsrat umgewandelt.

1994 wurde Aserbaidschan in das Programm „Partnership for Peace“ aufgenommen, das die Grundlagen für die bilaterale Zusammenarbeit zwischen Aserbaidschan und der NATO schuf. (https://www.nato.int/en/what-we-do/partnerships-and-cooperation/relations-with-azerbaijan)

Seit 1997 ist Aserbaidschan Mitglied des Euroatlantischen Kooperationsrats mit einer ständigen Vertretung Aserbaidschans in Brüssel. Aserbaidschan nahm an den NATO- Einsätzen im Kosovo (1999-2008) und in Afghanistan (2002-2014) teil.

Seit 2004 beruht die Zusammenarbeit mit der NATO auf einem Individual Partnership Action Plan. Aktuell laufen die Vorbereitungen für ein Individually Tailored Partnership Programme der NATO für Aserbaidschan.

Dank der Unterstützung durch das NATO-Mitgliedsland Türkei NATO ist die aserbaidschanische Armee nach NATO-Standards aufgestellt, so Präsident Alijew 2025.
 


Quellen:

Auswaertiges Amt: Aserbaidschan

Caucasus Watch: Aserbaidschan  

Zeitschrift Osteuropa: Aserbaidschan 

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