Geschichte Armenien

Frühe Kulturen und armenische Staatlichkeit
Das Armenische Hochland gehört zu den alten Siedlungs- und Kulturräumen Westasiens. In der Höhle Areni-1 wurden Gefäße, eine Kelterfläche und Traubenreste aus dem späten fünften beziehungsweise frühen vierten Jahrtausend v. Chr. entdeckt. Die rund 6.000 Jahre alte Anlage belegt eine frühe organisierte Weinherstellung. Solche Funde zeigen die lange Kulturgeschichte der Region. Sie begründen für sich genommen weder eine ununterbrochene nationale Staatlichkeit noch heutige territoriale Ansprüche.
Im ersten Jahrtausend v. Chr. prägte das Reich Urartu die Region. Die Festung Erebuni im heutigen Jerewan wurde nach einer erhaltenen Inschrift 782 v. Chr. unter König Argischti I. gegründet. Später entstanden armenische Königreiche. Unter Tigran II. erreichte ein armenisches Reich im ersten Jahrhundert v. Chr. zeitweise große Ausdehnung. Die folgenden Jahrhunderte waren durch wechselnde Herrschaften und das Ringen größerer Reiche um die Region geprägt. Armenische politische und kulturelle Zentren blieben deshalb räumlich vielfältig.
Christentum, Schrift und mittelalterliche Kultur
Armenien nahm im frühen vierten Jahrhundert das Christentum als Staatsreligion an. Traditionell wird das Jahr 301 genannt. Die armenisch-apostolische Kirche entwickelte eine eigene kirchliche Tradition. Sie gehört zu den orientalisch-orthodoxen Kirchen und ist von der russisch- oder griechisch-orthodoxen Kirche zu unterscheiden. Religion, Handschriftenkultur und Bildungsstätten trugen auch in Zeiten fehlender eigener Staatlichkeit dazu bei, gemeinsame Bezugspunkte zu erhalten.
Um 405 schuf Mesrop Maschtoz das armenische Alphabet. Übersetzungen, Geschichtsschreibung und religiöse Literatur machten die eigene Schrift zu einem wichtigen Träger kultureller Kontinuität. Mittelalterliche Königreiche, Klöster und Handelsnetze verbanden armenische Gemeinschaften mit dem byzantinischen, persischen, arabischen und lateinischen Umfeld. Armenische Geschichte war damit stets auch eine Geschichte des Austauschs. Die Kunst der Handschriften, der Kirchenarchitektur und der Kreuzsteine verbindet eigenständige Formen mit Einflüssen benachbarter Kulturräume.
Imperiale Herrschaft, Völkermord und Diaspora
Über lange Zeit lebten Armenier in unterschiedlichen Herrschaftsräumen, insbesondere im Osmanischen und im persischen Reich. Im 19. Jahrhundert wurde ein großer Teil Ostarmeniens in das Russische Reich eingegliedert. Die spätere Republik Armenien entstand in diesem östlichen Teil. Die Lebensbedingungen armenischer Bevölkerungen unterschieden sich daher je nach Region und Staat erheblich. Grenzverschiebungen, Handel, Migration und Verfolgung trugen zur Ausbildung weit verstreuter Gemeinschaften bei.
Während des Ersten Weltkriegs organisierte die jungtürkische Führung des Osmanischen Reiches den Völkermord an den Armeniern. Deportationen, Massaker, Zwangsmärsche und gezielt herbeigeführte lebensbedrohliche Bedingungen zerstörten weite Teile des armenischen Lebens im Osmanischen Reich. Das United States Holocaust Memorial Museum nennt für 1915/16 mindestens 664.000 und möglicherweise bis zu 1,2 Millionen Todesopfer. In der Forschung unterscheiden sich Schätzungen unter anderem nach Zeitraum und Datengrundlage. Der Charakter der Verbrechen als Völkermord ist davon zu unterscheiden.
Überlebende und ihre Nachkommen begründeten oder vergrößerten Gemeinden im Nahen Osten, in Europa und in Amerika. Die Erinnerung an den Völkermord wurde zu einem zentralen Bestandteil armenischer Identität und prägt bis heute das Verhältnis zur Türkei. Diasporageschichte beginnt allerdings nicht erst 1915: Schon zuvor bestanden armenische Handels-, Bildungs- und Religionsnetzwerke weit über den Kaukasus hinaus. Das heutige Armenien und die Diaspora teilen historische Bezugspunkte, bilden aber keine politisch oder gesellschaftlich einheitliche Gemeinschaft.
Erste Republik, Sowjetzeit und Unabhängigkeit
Am 28. Mai 1918 entstand die erste Republik Armenien. Sie stand vor existenziellen Herausforderungen: Krieg, Hunger, Seuchen, Flüchtlingsversorgung und Konflikte um Grenzen belasteten den jungen Staat. Ende 1920 setzte sich nach dem Einmarsch der Roten Armee die sowjetische Herrschaft durch. Armenien gehörte ab 1922 zur Transkaukasischen Sozialistischen Föderativen Sowjetrepublik und wurde 1936 eine eigene Unionsrepublik der Sowjetunion.
Die Sowjetzeit brachte Industrialisierung, Urbanisierung und einen Ausbau von Bildung und Wissenschaft. Gleichzeitig bedeutete sie Einparteienherrschaft, politische Repression, Einschränkungen religiösen Lebens und die Verfolgung kultureller Eliten, besonders unter Stalin. Die gesellschaftliche Modernisierung und die staatliche Gewalt gehören gleichermaßen zu dieser Geschichte. Armenische Identität blieb lebendig, doch politische Selbstbestimmung war durch die sowjetische Machtordnung begrenzt.
Ab 1988 verbanden sich Forderungen nach Reformen und nationaler Selbstbestimmung mit der Mobilisierung um Bergkarabach. Das schwere Erdbeben von Spitak im Dezember 1988 verschärfte die gesellschaftliche und wirtschaftliche Krise. Nach einer Souveränitätserklärung 1990 stimmte die Bevölkerung am 21. September 1991 in einem Referendum für die Unabhängigkeit. Der neue Staat musste sich zugleich mit dem Zerfall sowjetischer Wirtschaftsbeziehungen, einer Energiekrise und dem Krieg mit Aserbaidschan auseinandersetzen.
Bergkarabach: Krieg, Vertreibung und Verlust der Heimat
Bergkarabach war innerhalb der Aserbaidschanischen Sowjetrepublik ein autonomes Gebiet mit armenischer Bevölkerungsmehrheit. Die ab 1988 erhobene Forderung nach Anschluss an Armenien traf auf den Widerstand Aserbaidschans. Pogrome, Flucht und Vertreibungen, darunter die Gewalt gegen Armenier in Sumgait und Baku sowie die Vertreibung von Aserbaidschanern aus Armenien, verschärften den Konflikt. Der Krieg bis 1994 endete mit armenischer Kontrolle über Bergkarabach und angrenzende aserbaidschanische Bezirke. Hunderttausende Menschen, insbesondere Aserbaidschaner aus diesen Gebieten, verloren ihre Heimat. Human Rights Watch dokumentierte schwere Menschenrechtsverletzungen verschiedener Konfliktparteien.
Die dort errichtete De-facto-Republik wurde international nicht als unabhängiger Staat anerkannt. Bergkarabach blieb völkerrechtlich Teil Aserbaidschans. Im 44-tägigen Krieg 2020 gewann Aserbaidschan die umliegenden Bezirke und Teile Bergkarabachs zurück. Ein von Russland vermittelter Waffenstillstand führte zur Stationierung russischer Friedenstruppe. Der Latschin-Korridor sollte die Verbindung zur Republik Armenien sichern. Die Vereinbarung löste den Statuskonflikt und die Sicherheitsfragen der Bevölkerung nicht dauerhaft.
Nach monatelanger Blockade und zunehmend prekärer Versorgungslage griff Aserbaidschan am 19. September 2023 Bergkarabach an und setzte die Entwaffnung der lokalen armenischen Kräfte durch. Innerhalb kurzer Zeit flohen mehr als 100.000 Menschen nach Armenien; nahezu die gesamte verbliebene armenische Bevölkerung verließ das Gebiet. Der Verlust von Heimat, Eigentum und vertrauten sozialen Strukturen wirkt bis heute nach. Für Armenien wurde die Aufnahme der Geflüchteten zu einer gesamtgesellschaftlichen Aufgabe.
Der Internationale Gerichtshof verpflichtete Aserbaidschan am 17. November 2023 durch vorläufige Maßnahmen unter anderem dazu, eine sichere und ungehinderte Rückkehr derjenigen zu ermöglichen, die zurückkehren wollen, sowie verbliebene oder zurückkehrende Armenier vor Gewalt und Einschüchterung zu schützen. Eine solche Anordnung ist von einem abschließenden Urteil in der Hauptsache zu unterscheiden. Die militärische Kontrolle eines Gebietes erledigt weder die Rechte seiner vertriebenen Bevölkerung noch Fragen nach Vermissten, Gefangenen, Eigentum und Kulturerbe.
Ausführliche Informationen zum Bergkarabach-Konflikt
Autor: Tengiz Dalalishvili, Fachbereich Internationales der LpB,Aufbereitung für das Netz: Internetredaktion der LpB
Völkermord an den Armeniern 1915/16
Dr. phil. Tessa Hofmann
Der Genozid der Jahre 1915/16 kostete anderthalb von 2,5 Millionen osmanischer Armenier das Leben. Wer nicht den systemischen Massakern zum Opfer fiel, starb an den Folgen der Deportation, an Hunger, Seuchen und den Strapazen der Todesmärsche.
Armenien - wie weiter?
Dr. phil. Tessa Hofmann
Nach dem Angriff Aserbaidschans auf Bergkarabach im September 2023 hat die Regierung in Baku die Auflösung der Region verkündet. Dieser Beitrag schildert die Hintergründe des Bergkarabachkonflikts, seine Auswirkungen sowie die aktuelle Situation der vertriebenenen armenischen Bevölkerung..

