Wirtschaft in der Ukraine

Die Ukraine gehörte als ehemalige Sozialistische Sowjetrepublik zu den führenden Volkswirtschaften der Sowjetunion. Die Transformationsprozesse seit 1991 lösten die sowjetische Planwirtschaft durch marktwirtschaftliche Strukturen ab. Der Abschied vom sowjetischen Erbe führte jedoch in den ersten Jahren der unabhängigen Ukraine zu einem wirtschaftlichen Kollaps. Einflussreiche Politiker und Wirtschaftsgrößen teilten die gewinnbringenden Sektoren der Großindustrie unter ihren Clans auf und steuerten sie nach ihren eigenen Interessen. Erst seit dem Ende der 1990er Jahre wurde das wirtschaftliche Potenzial der Ukraine wieder besser genutzt.
Die globale Finanzkrise der Jahre 2008/09 wiederum traf die ukrainische Wirtschaft mit voller Wucht. Gemessen am BiP pro Kopf war und ist die Ukraine das ärmste Land Europas. Der Krieg Russlands gegen die Ukraine seit 2014 zeigt auf unterschiedlichen Ebenen weitere massive Folgen für die Wirtschaft, verstärkt noch seit Beginn der russischen Invasion 2022. Die von den Auseinandersetzungen am meisten betroffenen und nun teils annektierten Gebiete im Osten der Ukraine waren aufgrund der Industrie und Steinkohlevorkommen wirtschaftlich immer schon von großer Bedeutung für das Land, was die Wirtschaftskraft nun noch weiter absenkt.
Wirtschaftliche Entwicklung
In den ersten Jahren der Unabhängigkeit war die Industrieproduktion des Landes um 22 Prozent gesunken. Als große Hypothek erwies sich beim Zerfall der Sowjetunion die interregional und arbeitsteilig funktionierende Wirtschaft. Die Ukraine war aufgrund ihrer Eisenerz- und Steinkohlevorkommen ein Zentrum der sowjetischen Schwer- und Rüstungsindustrie. Der Donbas, das heißt die Oblasti Donezk und Luhansk im Osten der Ukraine, galt als „industrielles Herz der Sowjetunion“. Bereits seit dem 19. Jahrhundert dienten die fruchtbaren Schwarzerdegebiete der Ukraine als „Kornkammer“. Die Bergwerke und Industrieanlagen aus sowjetischer Zeit waren jedoch meist veraltet, außerdem blieb die Ukraine bei Erdöl- und Gaslieferungen von Russland abhängig. Durch die Erhöhung der bisher subventionierten Energiepreise auf Weltmarktniveau stieg die Verschuldung der Ukraine beim russischen Konzern Gazprom an. 30 Prozent des BIP flossen nach Erhöhung der Energiepreise im Jahr 1994 nach Russland. Schattenwirtschaft, Schwarzmarkt, Tauschhandel und Korruption bestimmten das Bild in den 1990er Jahren. Die wirtschaftliche Entwicklung wurde durch Oligarchen in Zusammenarbeit mit politischen Seilschaften dominiert, es entwickelte sich eine Clanwirtschaft.
Der hohen Inflation begegnete die Regierung 1996 mit der Einführung einer neuen Währung „Hryvnja“. Nachdem wirtschaftspolitische Maßnahmen Ende der 1990er Jahre bereits Erfolge zeigten, wurden 2000 bis 2008 hohe Wachstumsraten erzielt, auch wenn bis 2008 das Niveau des BIP von 1990 nicht erreicht werden konnte.
Die Wirtschafts- und Finanzkrise 2008 traf die Ukraine besonders hart. Den drohenden Staatsbankrott begegnete die Regierung 2008 mit einem umfassenden Maßnahmenkatalog. Der IWF machte seine Milliardenkredite von Reformen der Steuer- und Wirtschaftspolitik abhängig. 2008 wurde die Ukraine in die Welthandelsorganisation (WTO) aufgenommen. Seit 2009 gehört die Ukraine zu den „Staaten der Östlichen Partnerschaft“ der EU, die EU wurde zum wichtigen Handelspartner.
Der Anteil der Ukraine am Transit für Gasexporte aus Russland und die damit verbundenen Transitgebühren gingen seit Ende der 1990er Jahre zurück. Ursache dafür war der Bau von Umgehungspipelines durch den russischen Konzern Gazprom: 1997 die durch Belarus führende „Jamal-Europa“-Gasleitung, die Pipelines „Blue Stream“ 2003 über das Schwarze Meer und „Nord Stream 1“ 2011 über die Ostsee. In den Jahren vor Beginn des russischen Angriffskriegs auf die Ukraine strömten noch rund 90 Milliarden Kubikmeter Erdgas jährlich aus Russland durch das von Naftogaz betriebene ukrainische Pipelinenetz Richtung Westen, was der ukrainischen Staatskasse drei Milliarden an Transitgebühren einbrachte. Der Vertrag mit Gazprom endete 2019.
Die 2021 fertiggestellte Pipeline „Nord Stream 2“ über die Ostsee wurde letztendlich wegen Russlands Krieg gegen die Ukraine nicht in Betrieb genommen. Die Ukraine hatte schon seit Jahren eine Inbetriebnahme gefürchtet, da eine Umgehung der Ukraine als Transitland für Gas den Weg frei machen würde für Expansionspläne Russlands, so die Einschätzung von Andriy Kobolyev (Vorstandsvorsitzender von Naftogaz) bereits im Jahre 2017. Wie sich herausstellte, hat Russland in der Tat einen großangelegten Krieg gegen die Ukraine entfacht, der in den vergangenen Jahren eine drastische Senkung des BiP zur Folge hatte, ferner eine massive Zerstörung der Energieinfrastrukur und auch darüber hinaus beträchtliche Kriegsschäden verursachte.
Wirtschaftssektoren und Rohstoffvorkommen
Neben Schwerindustrie und Stahlverarbeitung, chemischer Industrie mit Schwerpunkt Düngemittelherstellung und dem Agrarsektor entwickelte sich dank einer gut ausgebildeten Bevölkerung vor allem die Informationstechnologie als dynamischer Wirtschaftsbereich in der unabhängigen Ukraine. Kiew und Charkiw etablierten sich als die wichtigsten Dienstleistungszentren (Finanz-, Transport-, Verkehrs- und digitalen Dienstleistungen).
Die Zentren der Industrieproduktion liegen traditionell im Donbas und in der Region Dnipro (ehemals Dnjepropetrowsk). Steinkohleabbau, Eisenerzförderung, Eisenmetallurgie, chemische Industrie, Schwermaschinenbau sowie die Stahlherstellung sind die dominierenden Produktionszweige. 2013 vor Beginn des Angriffskriegs Russlands lag die Ukraine bei der Erzeugung von Stahl weltweit auf dem 8. Platz. 80 Prozent der Produktion gingen in den Export.
Die Ukraine verfügt über einen großen Reichtum an Bodenschätzen. Fossile Energieträger wie Erdöl und Erdgas sind ebenso wie die Reserven an Mineralien und Metallen für die Anwendung grüner Technologien aber noch nicht vollständig erschlossen. Besonders reich an Rohstoffen und Energieressourcen wie Eisenerz, Erdöl, Quecksilbererzen, Kohle, Uran, Mangan, Magnesium, Titan und Schiefergas sind der Donbas und das Gebiet um Dnipro. Die Ukraine verfügt über ein Fünftel der weltweiten Gesamtmenge kommerziell nutzbaren Eisenerzes. Über 30 Titanvorkommen sind bekannt auf dem Gebiet der Ukraine. Neben den fossilen Energieträgern gibt es die für grüne Energie und Elektromobilität wichtigen Metalle wie Lithium und seltene Erden wie Dysprosium und Neodym. Der Abbau von Rohstoffen bescherte der Ukraine noch im Jahre 2021 15 Milliarden Dollar Einnahmen. Das Lithiumvorkommen des Landes wird auf etwa 500.000 Tonnen geschätzt und gehört damit zu den größten der Welt. Es ist für die Herstellung von Handys, Computern und Elektrofahrzeugen essenziell, weshalb sich auch das große Interesse Donald Trumps an einem Rohstoff-Deal mit der Ukraine erklären lässt. Der Krieg hat die industrielle Basis der Ukraine nachhaltig getroffen und hinterließ eine Schneise der Verwüstung.
Agrarsektor
Die Landwirtschaft strukturierte erfolgreich das alte sowjetische Kolchossystem um. Die Ukraine wurde 2008/2009 der sechstgrößte Weizenexporteur weltweit. 2021 machten landwirtschaftliche Produkte wie Weizen, Mais, Gerste, Sonnenblumen 44 Prozent des Exportwerts der Ukraine aus. Der Krieg in der Ukraine hat die ukrainische Landwirtschaft schwer getroffen und Verluste und Schäden in Höhe von 80 Milliarden US-Dollar verursacht. Eine Erholung des Sektors wird womöglich Jahrzehnte dauern.
Energiesystem
Die Ukraine verfügt über ein gut ausgebautes Netz an Kern-, Wärme- und Wasserkraftwerken (an den Flüssen Dnipro und Dnister). Auch nach dem Reaktorunfall von Tschernobyl 1986 wurden neue Atomkraftwerke gebaut. Die an den vier Standorten Riwne, Chmelnizk, Südukraine und Saporischschja produzierte Atomenergie betrug vor Beginn der Vollinvasion ca. 50 Prozent der erzeugten Elektrizität. Nach Jahren der Zerstörung in Folge des Krieges verfügt die Ukraine nur noch über rund ein Drittel ihrer Energieversorgung.
Aktuelle Wirtschaftslage
Der Krieg Russlands gegen die Ukraine seit 2014 zeigt auf unterschiedlichen Ebenen Folgen für die Wirtschaft. Die Verlagerung der Produktionskapazitäten aus dem Osten in westliche und zentrale Gebiete setzte bereits 2014 ein und verstärkte sich nach der Vollinvasion 2022. Arbeitskräftemangel vor allem auf dem Bau und in der Industrie als Folge von Fluchtbewegungen und Kriegseinsatz stellen die Wirtschaft vor große Herausforderungen.
Die Vollinvasion 2022 verursachte einen massiven Rückgang des BIP um knapp 30 Prozent. Die Kriegsschäden betrugen im Jahr 2024 nach Schätzungen 155 Milliarden US-Dollar und entsprechen damit dem aktuellen BIP der Ukraine.
Die Zerstörung der Energieinfrastruktur durch die russischen Truppen und die daraus resultierenden Stromausfälle stellen das größte Problem für die Wirtschaft dar. 2024 verfügte die Ukraine nur noch über rund ein Drittel ihrer Energieversorgung. Das größte europäische Kernkraftwerk in Saporischschja ist seit März 2022 okkupiert. Durch die russische Besetzung der Ostukraine 2022 gerieten fast das gesamte Kohlevorkommen sowie ein Großteil des Erdgases in russische Hand. Unternehmen vor allem im Bergbau und im Metallsektor wurden beschädigt oder zerstört. Seit Beginn der Vollinvasion sank die Zahl der kleinen Unternehmen überproportional stark
Besonders betroffen ist die Landwirtschaft wegen der Zerstörung von Agrarflächen, Wäldern und der Blockade von Ausfuhren. Die Anbauflächen sind von 28,5 Millionen Hektar im Jahr 2021 auf 22,5 Millionen Hektar 2023 gesunken. Die Schadenssumme betrug 2024 30 Prozent des vor dem Krieg in der ukrainischen Landwirtschaft akkumulierten Kapitals. Ein Viertel des Territoriums der Ukraine ist vermint und durch Kriegshandlungen beschädigt, ein großer Teil davon war landwirtschaftliche Nutzfläche. Außerdem ist etwa die Hälfte der landwirtschaftlichen Maschinen nicht mehr einsatzfähig. Ein Wiederaufbau wird zur enormen Herausforderung.
Seit 2022 erhöhten sich die Kosten für Agrarexporte um etwa das Dreifache. (https://laender-analysen.de/ukraine-analysen/304/russlands-krieg-und-landwirtschaftliche-produktion-und-agrarhandel-der-ukraine/) Die Zerstörung des Kachowka-Staudamms im Juni 2023 führte zur Austrocknung des Nord-Krim-Kanals, die Wasserversorgung der Landwirtschaft in der Südukraine ist damit gefährdet.
Nach Beginn der Vollinvasion sanken die Reallöhne m ersten Kriegsjahr um ein Fünftel. Dem stand jedoch eine Inflationsrate von 26,6 Prozent gegenüber. 2024 betrug die Inflationsrate noch 13,4 Prozent. Die Arbeitslosenquote lag 2021 bei 10,3 Prozent. Angaben zu Arbeitssuchenden in Kriegszeiten sind wahrscheinlich nicht präzise. Nach Schätzungen stieg die Erwerbslosenquote 2022 auf 25,8 Prozent an, 2024 sank sie wieder auf 16,5 Prozent. Auf dem Arbeitsmarkt führen Kriegsopfer und Rekrutierungsmaßnahmen zu Mangel vor allem an qualifiziertem Personal.
Seit 2023 steigt die Wirtschaftsleistung der Ukraine kontinuierlich wieder an. Das BIP betrug 2023 178,3 Milliarden Dollar. 2024 legte das BIP real um 4,2 Prozent gegenüber dem Vorjahr zu und wird auf 184,1 Milliarden Dollar bei einem pro Kopf BIP von 5.241 Dollar geschätzt. Vier Fünftel der Bruttowertschöpfung und drei Viertel der Beschäftigung entfallen auf den Privatsektor. Zur Wachstumsdynamik tragen dank der Wiederaufbauprogramme vor allem die Bauindustrie, das verarbeitende Gewerbe sowie der Transportsektor bei. Außerdem ist die IT-Branche eine der stärksten Antriebskräfte der ukrainischen Wirtschaft mit 2300 Firmen. Die Rüstungsindustrie hat 2023-2024 ihre Produktionskapazitäten für Waffensysteme, Drohnen und Munition ausgebaut. Präsident Selenskyj nannte die Zahl von 500 Unternehmen mit 30.000 Angestellten.
Außenhandel
Die Handelsbilanz der Ukraine verschlechterte sich seit dem russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine deutlich. Das Handelsbilanzdefizit lag 2022 bei rund 15 Milliarden US Dollar, .2023 lag es bei gut 27 Milliarden US Dollar.
Kriegsbedingte Transportschwierigkeiten, der Produktionsrückgang und der Wegfall von Routen führten zu einem Rückgang der Exporte im Jahr 2023 um 18 Prozent. Gleichzeitig stiegen die Importe um 6,3 Prozent. Der Seeweg über die ukrainischen Häfen war seit 2022 blockiert. Erst nach der Schaffung des Schwarzmeerkorridors im März 2023 nahe der bulgarischen, rumänischen und türkischen Küsten lief der Handel wieder über die ukrainischen Häfen an.
Die Ukraine exportierte im Jahr 2023 Güter im Wert von 34,6 Milliarden Dollar, mehr als die Hälfte davon (23 Mrd. US-Dollar) in EU-Länder. Den höchsten Anteil am Gesamtvolumen hatten Exportwarengruppen wie Getreide und Getreideerzeugnisse (24,6 Prozent), pflanzliche Fette und Öle sowie deren Fraktionen (15,8 Prozent), Ölsaaten (7,9 Prozent), Eisen und Stahl (9 Prozent) sowie Erze und Metallabfälle (5,4 Prozent). Vor allem bei den beiden letztgenannten Warengruppen kam es wegen der Blockade des Wasserwegs über das Schwarze Meer und aufgrund von kriegsbedingten Produktionseinbußen zu einem Einbruch. Bei der Produktion von Stahl belegte die Ukraine im Jahr 2023 nur noch den 24. Platz anstelle von Platz 14 im Jahr 2021.
Die Ukraine war 2023/24 weltweit der fünftgrößte Getreideexporteur. Sonnenblumenöl und Weizen machten 7,7 bzw. 5,2 Prozent der gesamten ukrainischen Exporte in die EU aus. Außerdem stieg die Ukraine zum zweitgrößten Holzlieferanten der EU mit einem Anteil von 21 Prozent auf. Die Importe aus den GUS-Ländern gingen seit 2016 stetig zurück, dafür stieg der Anteil der Importe aus EU-Ländern. Im Jahr 2023 betrug der Gesamtwert der Importe 63,5 Milliarden US-Dollar, etwa die Hälfte der Waren stammte aus EU-Ländern (32,6 Milliarden US-Dollar). Die wichtigsten Importgüter waren Maschinen (17 Prozent), Erdöl und Erdölerzeugnisse (12,9 Prozent), Straßenfahrzeuge (10,8 Prozent), Güter aus Plastik (4 Prozent) sowie Eisenerz und Stahl (3 Prozent).
Trends und Veränderungen im ukrainischen Außenhandel seit der großangelegten Invasion
EU Förderung
Das 2016 in Kraft getretene Assoziierungsabkommen zwischen der EU und der Ukraine sah unter anderem die Schaffung einer Freihandelszone vor und hatte eine Intensivierung der Handelsbeziehungen zur Folge. Nach dem Beginn der Vollinvasion 2022 zeigte die EU Solidarität mit der Ukraine, beschloss entsprechende Handelspräferenzen und gewährte der Ukraine die Aussetzung von Einfuhrzöllen und Kontingenten auf Ausfuhren.
Im März 2024 richtete die EU eine Ukraine-Fazilität „zur Unterstützung der Ukraine bei Erholung, Wiederaufbau und Modernisierung“ als neues Finanzierungsinstrument für die Jahre 2024 bis 2027 ein. Der Ukraine soll in diesem Zeitraum regelmäßige Unterstützung in Form von Finanzhilfen und Darlehen in Höhe von bis zu 50 Milliarden Euro zukommen.
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