Wirtschaft in Armenien

Armenien verzeichnet nach einem wirtschaftlichen Niedergang in der ersten Transformationsphase von der Plan- zur Marktwirtschaft stabile Wachstumsraten seit den 2000er Jahren. Kriege, Blockade der Grenzen durch die Nachbarländer Aserbaidschan und Türkei sowie eine starke Abhängigkeit von Russland vor allem im Energiesektor erschweren die wirtschaftliche Entwicklung. Das 2023 gestartete Projekt „Crossroads of peace“ setzt den Fokus auf den Ausbau der Infrastruktur und weist Armenien eine bedeutende Rolle als Brückenland am Mittleren Transportkorridor zu.

Wirtschaftliche Entwicklung

In der Sowjetzeit entwickelte sich neben dem Bergbau und der Förderung von Rohstoffen wie Kupfer und Gold vor allem chemische und elektronische Industrie in Armenien. Daneben trug der landwirtschaftliche Sektor mit der Produktion von Obst, Gemüse, Wein und Tabak wesentlich zum Bruttosozialprodukt bei.

Den Übergang zur Marktwirtschaft in der unabhängigen Republik Armenien seit 1991 erschwerten die Folgen des Erdbebens von 1988, die Kriege um Bergkarabach und die Blockaden von Grenzen durch die Nachbarländer Aserbaidschan und Türkei. Die Energieversorgung brach zusammen, traditionelle Märkte fielen weg, der industrielle Sektor war im Niedergang begriffen. Das BIP erreichte 1993 einen Tiefststand von 1,2 Milliarden US-Dollar.

1993 wurde die nationale Währung „Dram“ 1993 eingeführt. 1994 setzte eine langsame Erholung der Wirtschaft ein. Wachstumsmotoren waren dabei der Bergbausektor mit der Förderung von Kupfer, Bauxit, Gold und Molybdän sowie die Verarbeitung von Edelsteinen. Die industrielle Produktion erreichte bis 2004 noch nicht den Stand von 1990. Die wirtschaftlichen Schwierigkeiten hatten eine hohe Emigrationsquote zur Folge. Zwischen 1995-2005verließen über 800.000 Menschen, d. h. ein Viertel der Bevölkerung, das Land.  

Die Privatisierung der staatlichen Unternehmen war 2000 weitgehend abgeschlossen, aber es konnten nicht ausreichend Arbeitsplätze geschaffen werden. Die Arbeitslosigkeit erreichte 2000 ihren Höhepunkt, ging aber seither stetig zurück. Schattenwirtschaft, Energieversorgungskrisen und mangelnde Rechtssicherheit für Unternehmen erschwerten den wirtschaftlichen Aufschwung. 2005 lebten 55 Prozent der armenischen Bevölkerung unterhalb der Armutsgrenze

Internationale Hilfe durch die EU und durch ausländische Direktinvestitionen sowie Geldtransfers der Auslandsarmenier stützten die Volkswirtschaft, 2004 betrugen die Zahlungen der im Ausland arbeitenden Armenier knapp 10 Prozent des BIP. 2013 war ein Assoziierungsabkommen mit der EU in Vorbereitung. Es wurde jedoch nicht abgeschlossen. Armenien entschied sich wohl aus sicherheitsstrategischen Überlegungen für einen Eintritt 2014 in die Eurasische Wirtschaftsunion.

Den Gas- und Energiesektor sowie den Telekommunikationsbereich dominierten russische Konzerne. Russland blieb der Hauptinvestor in Armenien. Der russische Konzern Gazprom baute Gas- und Energieanlagen. Der Konzern Rusal modernisierte 2006 das Aluminiumwerk Rusal-Armenal.

Die Wachstumsraten in den Jahren 2018 und 2019 erreichten 5,2 bzw. 7,6 Prozent. In Folge der Covid Pandemie brach das BIP aber um 7,4 Prozent ein. 
 

Aktuelle Entwicklung

Der Angriffskrieg Russlands auf die Ukraine zeigte seit 2022 Sondereffekte auf die wirtschaftliche Entwicklung in Armenien durch die Migration aus Russland, der Ukraine und Belarus. Diese brachte Kapitalzuflüsse, eine stärkere Konsumnachfrage und Fachkräfte, vor allem im IT-Bereich, ins Land. Außerdem stiegen die Einnahmen aus dem Tourismus, vor allem von Reisenden bzw. Migranten aus Russland. Der Anteil des Tourismus am BIP stieg 2023 auf 12,8 Prozent an, sank im Jahr 2024 aber wieder auf 10,7 Prozent.

Ausländische Direktinvestitionen stiegen im Jahr 2022 um 36 Prozent, wobei über 66 Prozent aus Russland kamen. Das Wirtschaftswachstum 2024 betrug 5,9 Prozent und verlangsamte sich gegenüber dem Vorjahr, da der Zustrom von Kapital und Fachkräften aus Russland nachgelassen hat. Das BIP stieg 2024 auf 25,5 Milliarden US-Dollar an, das BIP je Einwohner auf 8.613 US-Dollar. Zum Wachstumsmotor wurde die Informations- und Kommunikationstechnologie.

Die Staatsverschuldung blieb aufgrund von Investitionen in Infrastruktur und Verteidigung 2024 mit 50,3 Prozent des BIP hoch. Die Inflationsrate sank in den letzten Jahren kontinuierlich und betrug 2024 3,8 Prozent. 

Auch die Arbeitslosen- und die Armutsrate gingen in den letzten Jahren zurück, allerdings mit starken regionalen Unterschieden. Die Arbeitslosenrate betrug 2024 12,6 Prozent, die Armutsrate blieb auf hohem Niveau bei 21,7 Prozent. 66,3 Prozent des Bruttoinlandsprodukts gingen 2024 auf den Dienstleistungsbereich zurück, 25,1 Prozent auf den Produktionsbereich, die Landwirtschaft nahm mit 8,6 Prozent den dritten Platz ein. Der Anteil des Agrarsektors mit kleinen Subsistenz- und Familienbetrieben ging in den letzten Jahren stetig zurück. Armenien muss Lebensmittel einführen, doppelt so viele wie es exportiert. (Wirtschaftsausblick Armenien)

Armenien hat bilaterale Investitionsabkommen mit 37 Ländern geschlossen. Zu den größten Investitionsprojekten gehört die Erschließung und Ausbeutung der Amulsar Goldmine. Trotz Protesten von Umweltschützern und Bedenken hinsichtlich der ökologischen Auswirkungen soll die Goldmine Ende 2025 in Betrieb gehen.

Außenhandel

Armenien gehört zu jenen Ländern, die alljährlich ein Handelsbilanzdefizit verzeichnen. Das heißt, es es wird weniger exportiert als importiert. In den vergangenen zehn Jahren belief sich dieses Defizit auf plus minus 2 Milliarden US Dollar. In den Jahren 2022 bis 2024 ist das Handelsbilanzdefizit auf 4 Milliarden US-Dollar angestiegen.

Gleichzeitig ist innerhalb dieses Zeitraums das Handelsvolumen sprunghaft von 14 auf 30 Milliarden US Dollar angestiegen. Grund hierfür waren milliardenschwerer Re-Exporte von Fahrzeugen sowie Edelstein- und Goldtransiten zwischen Russland, Indien, Hongkong (Einfuhr) und den Vereinigten Arabischen Emiraten (Wiederausfuhr) via Armenien. Der Handel mit Russland stieg 2024 um 60 Prozent, d. h. auf 12 Milliarden US-Dollar, an.

Aufgrund der Sanktionen nach Beginn des Angriffskriegs in der Ukraine suchten die Goldproduzenten in Russland neue Märkte für ihre Waren und exportierten diese über Armenien. 2024 stiegen die Importe von Edelmetallen (überwiegend aus Russland) um 170 Prozent gegenüber dem Vorjahr an. Hinter dem Boom im armenischen Gold- und Schmuckhandel stand allerdings keine Wertschöpfungskette. Re-Exporte von Fahrzeugen aus Armenien nach Russland machten seit 2022 einen großen Anteil am BIP aus, 2023 betrug er 3,7 Prozent. Bei diesem Fahrzeugsektor ist außerdem ein hoher Anteil der Schattenwirtschaft anzunehmen. Eine Normalisierung des Warenhandels zeichnet sich für 2025 ab. Die Re-Exporte sowie der Goldrausch klingen aufgrund geänderter russischer Zollbestimmungen ab. 

Die Hauptimportländer Armeniens sind Russland, China, Vietnam, Iran und Deutschland, die Hauptexportländer sind die Vereinigten Arabischen Emirate, Russland, Hongkong und China. Die EU war 2024 der viertgrößte Handelspartner Armeniens mit einem Anteil von 7,5 Prozent am Gesamthandel mit Waren, 4,7 Prozent an den Exporten und 9,7 Prozent an den Importen des Landes. 

Innerhalb der EU ist Deutschland der wichtigste Handelspartner Armeniens. 2024 kamen Importe in Höhe von 121 Millionen Euro nach Deutschland und Exporte in Höhe von 433 Millionen Euro nach Armenien. Die wichtigsten deutschen Exportgüter sind Kraftfahrzeuge, Maschinen, Chemikalien und Elektrotechnik, die wichtigsten Importgüter Eisen, Stahl, Kupfer, Molybdän sowie Textilien. 
 

EU-Förderung

Die EU hat Armeniens seit seiner Unabhängigkeit erhebliche Finanzmittel bereitgestellt.

Von 2009 bis 2024 stellt die EU armenischen Unternehmen im Rahmen der Initiative „EU4Business“ Finanzmittel, Schulungsmaßnahmen und Ausfuhrunterstützung für neue Märkte bereit. 25.000 Unternehmen wurden mit insgesamt 473 Millionen Euro unterstützt.

Seit 2020 leistete die EU Humanitäre Hilfe für Binnenflüchtlinge aus Bergkarabach in Höhe von 38,4 Millionen Euro.

Im Rahmen des „Resilienz- und Wachstumsplans für Armenien“ stellte die EU 270 Millionen Euro für den Zeitraum 2024-2027 bereit.

Im Rahmen der EU-Strategie „Global Gateway“, die weltweit die Gesundheits-, Bildungs- und Forschungssysteme verbessern soll, werden die EU-Investitionen in Armenien voraussichtlich 2,5 Milliarden Euro erreichen (Stand Juli 2025) und so Wachstum und die Konnektivität fördern.

Armenien strebt einen EU-Beitritt an und hat im März 2025 ein Gesetz verabschiedet, das den Start eines EU-Beitrittsprozesses als strategisches nationales Ziel festlegt.
 

Quellen:

EU: Armenien
Wirtschaftskammer Österreich: Armenien Wirtschaftsbericht
German Economic Team: Wirtschaftsausblick Armenien

 

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