Frühe Kulturen und mittelalterliche Verflechtungen
Die Besiedlung des heutigen Staatsgebiets reicht weit in die Vorgeschichte zurück. In Gobustan südwestlich von Baku dokumentieren mehr als 6.000 Felsbilder, Höhlen, Siedlungsreste und Gräber die Nutzung der Landschaft über lange Zeiträume. Sie zeigen, dass die Geschichte dieses Raums nicht erst mit der Entstehung moderner Nationen beginnt. Die UNESCO führt Gobustan seit 2007 als Weltkulturerbe.
Im Mittelalter gehörten Schirwan und Baku zu einem Raum mit engen Beziehungen zur iranischen Welt. Mit der Ausbreitung seldschukischer Herrschaft im 11. Jahrhundert verstärkte sich die Verbreitung von Turksprachen. Dieser langfristige Wandel ging den Mongoleneinfällen des 13. Jahrhunderts voraus. Im 16. Jahrhundert setzten die Safawiden ihre Herrschaft über Baku und Schirwan durch. Zeitweise wechselte die Kontrolle zwischen iranischen und osmanischen Herrschern. Später entstanden regionale Khanate.
Russische Herrschaft und der Ölboom
Die russisch-persischen Kriege des frühen 19. Jahrhunderts veränderten die politische Ordnung. Mit den Verträgen von Gulistan 1813 und Turkmantschai 1828 sicherte sich das Russische Reich große Teile des östlichen Südkaukasus. Baku war bereits 1806 erobert worden. Die neue Herrschaft verband militärische Kontrolle mit Verwaltungsreformen und der Einbindung örtlicher Eliten. Gesellschaftliche Ungleichheit und unterschiedliche rechtliche Behandlung der Bevölkerungsgruppen blieben bestehen.
Der industrielle Ölboom setzte vor allem im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts ein. Förderung, Raffinerien und Transport machten Baku zu einem internationalen Wirtschaftszentrum. Aserbaidschanische, armenische, russische und ausländische Unternehmer waren daran beteiligt. Zugleich entstand eine vielsprachige Arbeiterschaft. Neue Bildungsangebote und politische Bewegungen entwickelten sich neben scharfen sozialen Gegensätzen. Streiks und die revolutionären Umbrüche von 1905 und 1917 verbanden sich mit Gewalt zwischen Bevölkerungsgruppen.
Erste Republik und sowjetische Herrschaft
Nach dem Zerfall des Russischen Reiches wurde am 28. Mai 1918 die Demokratische Republik Aserbaidschan gegründet. Sie schuf parlamentarische Institutionen und gewährte Frauen das aktive und passive Wahlrecht. Die Republik stand zugleich unter dem Druck innerer Machtkämpfe, militärischer Interventionen und territorialer Konflikte. Im April 1920 beendete der Einmarsch der Roten Armee ihre Unabhängigkeit.
Die sowjetische Herrschaft baute Industrie und Bildungswesen aus und band das Land in die unionsweite Planwirtschaft ein. Gleichzeitig unterdrückte die Einparteienherrschaft politische Selbstständigkeit. Unter Stalin wurden auch Teile der eigenen Partei- und Kulturelite verfolgt. Baku blieb ein bedeutendes Industriezentrum. Die Erinnerung an diese Zeit umfasst deshalb sozialen Wandel und Modernisierung ebenso wie Zwang, Repression und die Einschränkung nationaler Selbstbestimmung.
Unabhängigkeit und Machtkonzentration
In den späten 1980er Jahren gewann die aserbaidschanische Volksfront an Unterstützung. Der Konflikt um Bergkarabach und die Krise der sowjetischen Ordnung verstärkten die Mobilisierung. In der Nacht vom 19. auf den 20. Januar 1990 rückten sowjetische Truppen in Baku ein. Helsinki Watch und Memorial dokumentierten unverhältnismäßige Gewalt und zahlreiche zivile Todesopfer. Dieser „Schwarze Januar“ wurde zu einem zentralen Bezugspunkt der Unabhängigkeitserinnerung.
Am 30. August 1991 erklärte Aserbaidschan seine Unabhängigkeit. Der Verfassungsakt vom 18. Oktober bestätigte sie. Krieg, wirtschaftlicher Einbruch und wechselnde Regierungen belasteten den neuen Staat. 1993 kehrte der frühere sowjetische Spitzenfunktionär Heydar Alijew an die Macht zurück. Er festigte die Präsidialherrschaft und erschloss durch Verträge mit internationalen Ölunternehmen neue Einnahmequellen. 2003 folgte ihm sein Sohn Ilham als Präsident. Die Verbindung familiärer, politischer und wirtschaftlicher Macht prägt das System bis heute.
Bergkarabach und die Folgen der Kriege
Bergkarabach war in der Sowjetunion ein mehrheitlich armenisch besiedeltes autonomes Gebiet innerhalb Aserbaidschans. Forderungen nach einem Anschluss an Armenien verschärften ab 1988 den Konflikt. Pogrome gegen Armenier, darunter in Sumgait und Baku, sowie Gewalt und Vertreibungen gegen Aserbaidschaner in Armenien zerstörten das Zusammenleben. Im folgenden Krieg verübten die Konfliktparteien schwere Menschenrechtsverletzungen. Bei der Einnahme von Chodschali im Februar 1992 töteten armenische Kräfte zahlreiche aserbaidschanische Zivilpersonen.
Bis zum Waffenstillstand 1994 kontrollierten armenische Kräfte Bergkarabach und umliegende aserbaidschanische Bezirke. Hunderttausende Aserbaidschaner hatten ihre Wohnorte verloren. Bergkarabach blieb international als Teil Aserbaidschans anerkannt. Die dortige armenische De-facto-Republik erhielt keine internationale Anerkennung als Staat. Die jahrzehntelange Trennung schuf unterschiedliche Kriegserinnerungen und verfestigte Feindbilder auf beiden Seiten.
Im Krieg von 2020 gewann Aserbaidschan große Gebiete militärisch zurück. Die gemeinsame Erklärung vom November 2020 regelte den Waffenstillstand, weitere Gebietsübergaben und die Stationierung russischer Friedenstruppen. Im September 2023 brachte eine erneute aserbaidschanische Offensive auch das verbliebene armenisch kontrollierte Gebiet unter Bakus Herrschaft. Nach der vorangegangenen Blockade und der militärischen Niederlage floh nahezu die gesamte armenische Bevölkerung. Binnen weniger Tage kamen mehr als 100.000 Menschen nach Armenien.
Die Kontrolle über das Territorium löst die menschenrechtlichen Folgen nicht auf. Der Internationale Gerichtshof ordnete am 17. November 2023 vorläufige Maßnahmen an: Aserbaidschan muss insbesondere die sichere Rückkehr der nach dem 19. September ausgereisten und rückkehrwilligen Personen ermöglichen und Menschen, die bleiben wollen, vor Gewalt und Einschüchterung schützen. Diese Anordnung ist von einem abschließenden Urteil in der Hauptsache zu unterscheiden. Eigentum, Vermisste, Gefangene und der Schutz kultureller Stätten bleiben Bestandteile einer dauerhaften Konfliktbearbeitung.
Ausführliche Informationen zum Bergkarabach-Konflikt
Autor: Tengiz Dalalishvili, Fachbereich Internationales der LpB,Aufbereitung für das Netz: Internetredaktion der LpB
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