Wirtschaft in Aserbaidschan

Aserbaidschan verfügt über bedeutende Öl- und Gasvorkommen im Kaspischen Meer und ist ein wichtiges Transitland für Energietrassen. Es fungiert als Drehkreuz im „Mittleren Korridor“, der transkaspischen Transportroute, die Asien mit Europa verbindet. Der Öl- und Gas-Staat ist die stärkste Wirtschaftsmacht im Südkaukasus.
Wirtschaftliche Entwicklung
In sowjetischer Zeit versorgte Aserbaidschan die anderen Unionsrepubliken mit Rohstoffen, vor allem mit Erdöl sowie mit Agrarprodukten. Neben den Erdöl- und Erdgasreserven verfügt Aserbaidschan über Ressourcen wie Kupfer, Gold, Bauxit und weitere Baustoffe. Traditionell ist Aserbaidschan ein wichtiger Erzeuger von Obst, Gemüse, Getreide, Wein sowie Baumwolle und Tabak. Dabei ist der Zugang zu Wasser eine Herausforderung, die Agrarproduktion ist auf Bewässerungssysteme angewiesen.
Ein Jahr nach der Erklärung der Unabhängigkeit wurde neben dem Rubel der Aserbaidschanische Manat (AZN) 1992 eingeführt, seit 1994 ist er die alleinige Landeswährung. In der Transformationsperiode der Plan- zur Marktwirtschaft ab 1991 erlebte Aserbaidschan einen wirtschaftlichen Niedergang. Zum problematischen sowjetischen Erbe gehörten die einseitige wirtschaftliche Entwicklung und der niedrige Industrialisierungsgrad. Außerdem war seit den 1990er Jahren die Gasproduktion wegen der Erschöpfung der Felder rückläufig. Der Inlandsbedarf konnte nicht gedeckt, neue Gasfelder mussten erschlossen werden.(Dynamiken innerstaatlichen und internationalen Wandels)
Einen wirtschaftlichen Aufschwung leitete 1994 der sogenannte „Jahrhundertvertrag“ ein: ein Produktionsbeteiligungsabkommen mit einem Konsortium von 13 Ölkonzernen aus acht Ländern (Amoco, BP, McDermott, Unocal, SOCAR, Lukoil, Statoil, Exxon, TPAO, Pennzoil, Itochu, Ramco, Delta) zur Erschließung der Tiefsee-Ölfelder Azeri – Chirag – Gunashli im Kaspischen Meer.
Die hohen Ölpreise Anfang der 2000er Jahre sorgten für Wirtschaftswachstum. Vor der globalen Wirtschaftskrise 2008 betrug die jährliche Wachstumsrate um 25 Prozent. In dieser Phase erwirtschaftete der Öl-Gas-Sektor 50 Prozent des BIP. Über die gewinnbringenden Schlüsselindustrien übt der Staat die Kontrolle aus. Dabei dominieren Clanstrukturen und eine systemische Korruption. Der staatliche Reichtum auf Grundlage der Ausbeutung von Rohstoffen brachte „Wealth without welfare“, d.h. es erfolgten nur unzureichende staatliche Investitionen in Gesundheit und Bildung, und der Lebensstandard der Mehrheit der Bevölkerung stieg nur langsam an. Die Armutsrate betrug 2003 ca. 40 Prozent. Die wirtschaftliche Entwicklung zeigte außerdem große regionale Unterschiede und ein Stadt-Land-Gefälle auf. 2020 erwirtschaftete allein die Region der Hauptstadt Baku 65 Prozent des BIP.
Beim Ausbau der Energieinfrastruktur erfolgte eine enge Zusammenarbeit mit der Türkei und mit Georgien. 2006 gingen die Erdölpipeline Baku–Tbilisi–Ceyhan, über die unter Umgehung Russlands aserbaidschanisches Erdöl nach Europa transportiert wird, sowie die Südkaukasus-Gaspipeline Baku-Tbilisi-Erzurum in Betrieb. Aserbaidschan etablierte sich außerdem als Georgiens „Energiepatron“ und kaufte sich 2008 in Georgiens Gasinfrastruktur ein.
Seit 2010 ist die Ölförderung rückläufig. Sinkende Erdölpreise führten seit 2013 zu einem Rückgang der Staatseinnahmen. Ab 2014 ging das Wirtschaftswachstum zurück, im Jahr 2016 um 3,1 Prozent. Ein Anstieg des BIP erfolgte wieder ab 2021.
2020 wurde die Transadriatische Gaspipeline (TAP) als Teil des „Südlichen Gaskorridors“ in Betrieb genommen, die das Gasfeld "Schah Denis 2“ mit der Türkei und Italien verbindet.
Außerdem nahm 2023 das Gasfeld Absheron im Kaspischen Meer die Produktion auf. 2024 erfolgte die Sanierung und Wiederinbetriebnahme der 2017 eröffneten Bahnstrecke Baku-Tbilisi-Kars (BTK), eines wichtigen Abschnitts des Mittleren Transportkorridors. Diesem kommt seit der Vollinvasion Russlands in die Ukraine 2022 besondere logistische Bedeutung zu. Das Transportvolumen der BTK stieg um das Fünffache in Zeiten der Suche nach alternativen Handelsrouten. China-Europe Railway-Express nahm 2024 als Teil der Neuen Seidenstraße eine Verbindung in die Türkei via BTK in Betrieb.
Aktuelle Entwicklung
Die Diversifizierung der Wirtschaft schritt in den vergangenen Jahren voran. Besonders die Bereiche Bauwesen, Landwirtschaft, Dienstleistungen sowie der Sektor der erneuerbaren Energien verzeichneten einen Aufschwung. 2025 wuchs der Nicht-Öl-Sektor um 2,7 Prozent, während die Öl- und Gasproduktion um 1,6 Prozent zurückging. Die landwirtschaftliche Produktion stieg um 2 Prozent. Das Wirtschaftswachstum betrug 2025 1,5 Prozent. Dabei machte der Bereich Bergbau und Gewinnung von Steinen und Erden 59,6 Prozent der gesamten Industrieproduktion aus, auf das Verarbeitende Gewerbe entfielen 33,9 Prozent. Das BIP stieg 2025 auf 76,4 Milliarden US-Dollar an. Das Bruttoinlandsprodukt pro Kopf betrug 7.365 US-Dollar.
Im Staatshaushalt hat das Programm „Große Rückkehr” für den Wiederaufbau und die soziale Wiedereingliederung der ehemaligen Republik Arzach (Bergkarabach) und von Ost-Zangezur (armen.: Sjunik-Region) mit 24 Prozent der staatlichen Investitionen bis 2030 Priorität. Dazu gehört auch der Bau von Wasserkraftwerken und von Solar- und Windkraftanlagen in diesen Regionen.
Ziel ist es, den Anteil erneuerbarer Energien von aktuell 20 auf 30 Prozent bis zum Jahr 2030 zu erhöhen. Laufende Projekte zur Schaffung „grüner Energiekorridore“ sollen den Transit von Ökostrom aus dem Südkaukasus und Zentralasien nach Europa ermöglichen. Geplant ist eine Schwarzmeerstromtrasse von Agstafa (Aserbaidschan) nach Anaklia (Georgien) und von dort über ein Hochspannungsunterseekabel nach Constanța (Rumänien).
Außerdem schlossen Aserbaidschan, Kasachstan und Usbekistan 2024 bei der UN-Klimakonferenz (COP 29) in Baku ein Abkommen zur Schaffung „grüner Energiekorridore“.
Trotz Erhöhung der Verteidigungs- und Sicherheitsausgaben blieb die Haushaltslage 2025 stabil, die Staatsverschuldung stieg nur leicht an auf 16,6 Prozent des BIP. Die Inflationsrate betrug 5,6 Prozent, die Arbeitslosenquote lag Ende 2025 bei 5,3 Prozent. Diese ist in den Städten höher, da in den ländlichen Regionen ein Großteil der Bevölkerung in der Subsistenzwirtschaft lebt. Die Armutsrate sank in den letzten Jahren. Schätzungen nach leben 5-6 Prozent der Bevölkerung an der Armutsgrenze.
Außenhandel
Die Außenhandelsbilanz Aserbaidschans ist stark abhängig von Weltmarktpreisen für fossile Energien. 2023 lagen aufgrund der hohen Weltmarktpreise die Erlöse der Erdgasexporte erstmals höher als die der Erdölexporte.
Im Juli 2022 wurde zwischen Aserbaidschan und der EU eine „Vereinbarung über eine strategische Partnerschaft im Energiebereich“ unterzeichnet, der zufolge die bisherige Menge an Erdgaslieferungen bis 2027 verdoppelt sowie grüne Energie geliefert werden soll. Um den EU-Verpflichtungen nachzukommen und den Eigenbedarf zu decken, erhöhte Aserbaidschan 2023 den Gasimport aus Russland. Dies führte zu Kritik und einer (nicht bindenden) Entschließung des Europäischen Parlaments Ende 2024, die Lieferungen aus Aserbaidschan zu stoppen.
2025 verzeichnete Aserbaidschan einen Handelsbilanzüberschuss. Erdöl- und Erdgasprodukte machten ca. 85 Prozent der Ausfuhren aus. Allerdings gingen sowohl die Importe (um 10,4 Prozent) als auch die Exporte (um 8,3 Prozent) zurück.
Die EU ist der wichtigste Handelspartner. 67,7 Prozent der Exporte gingen 2025 in die EU, während 11,6 Prozent der Importe von dort stammten. Damit ist Aserbaidschan das einzige Land im Südkaukasus, das einen Handelsüberschuss mit der EU erzielte.
Rund die Hälfte der Erdgasproduktion Aserbaidschans ging an insgesamt 16 europäische Abnehmerländer. Ende 2025 kamen 7,8 Prozent der Erdgaslieferungen in die EU aus Aserbaidschan.
Italien war wegen der Erdgaslieferungen über die Transadriatische Pipeline (TAP) der wichtigste Importeur mit 45,3 Prozent, gefolgt von der Türkei mit 13,5 Prozent.
Der größte Lieferant war China mit 19,6 Prozent, gefolgt von Russland mit 15,3 Prozent und der Türkei mit 9,6 Prozent.
Deutschland unterhält eine Außenhandelskammer in Baku. Die deutschen Exporte nach Aserbaidschan bestehen überwiegend aus Maschinen, Kraftfahrzeugen, Kfz-Teilen, Eisen- und Stahlerzeugnissen sowie Fabrikationsanlagen, die deutschen Importe aus Rohöl und Erdölprodukten. Seit Anfang 2026 liefert die staatliche Öl- und Gasgesellschaft SOCAR auch Erdgas nach Deutschland.
EU-Förderung
Die EU war der größte ausländische Investor in Aserbaidschan mit Direktinvestitionen in Höhe von über 7 Milliarden Euro bis 2024.
Im Rahmen der Programme der Östlichen Partnerschaft sind für den Zeitraum 2025-2027 insgesamt 15.5 Millionen Euro an Fördergeldern für Aserbaidschan vorgesehen.
Außerdem stellt die EU im Rahmen der Strategie „Global Gateway“ Investitionen in Höhe von 130 Millionen bereit, die zur wirtschaftlichen Diversifizierung, zur nachhaltigen Wirtschaftsentwicklung und zur Verbesserung der Konnektivität beitragen sollen.
2024 wurde Team Europe Initiative on Mine Action ins Leben gerufen. Aserbaidschan erhält aus diesem Programm 23 Millionen Euro für die Minenräumung.
Im Energiesektor unterstützt die EU Aserbaidschan im Rahmen der Initiative EU4Energy für die Länder der Östlichen Partnerschaft.
Europäische Kommission: Aserbaidschan
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